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Notizen

Wer hütet die Herde

Im Grundschullesebuch meines Sohnes stand die Gesichte vom Hirtenjungen, der zum Spaß ruft: "Der Wolf kommt!" Als dann der Wolf wirklich kam, hörte keiner mehr hin. Michael Moore erzählte in 'Bowling for Columbine' vom friedlichen Kanada: Obwohl es mehr Waffen gäbe, mordeten die Menschen weniger. Sie verschlössen dort nicht einmal ihre Häuser. Als Ursache machte er die kanadischen Nachrichten aus: sie verbreiteten weniger Angst als die in den USA.

Dass die Wirtschaftskrise nun werden könnte wie das Jahr 2002 oder wie die Ölkrise von 1973 oder diese oder jene Krise - hat ihr den meisten Schrecken genommen. Gegen die Schweingrippeangst immunisiert uns die Vogelgrippeerfahrung, gegen die Sorge um den Klimawandel die Geschichte des Waldsterbens. Und überhaupt: seit der kalte Krieg apokalypsefrei zuende ging, kann uns der Weltuntergang nur noch im Spielfilm fesseln.

"Der Wolf kommt", ist unser Morgengruß und unser Abendgruß. Wir fürchten den Wolf nicht, finden ihn allenfalls etwas mickrig. 2001, als Flugzeuge in Hochhäuser krachten, da konnte man zwei Tage vor dem Fernseher sitzen, die aller fünfzehn Minuten wiederholten Bilder schauen und fühlen, man sei Zeuge großer Zeiten. Viele trauern dem nach.

Die Flut der Drohungen relativiert die Ängste. Wir haben gelernt, mit den Alarmen zu leben. Das ist gut, denn ein Leben in Angst will keiner führen. Nicht gelernt haben wir, mit den Wölfen zu leben. Kämen die wirklich, meinen viele, würden die Hirten sich kümmern. Ich denke das nicht. Es gibt keine Hirten. Tatsächlich müssen wir selbst wachen, uns selbst schützen, uns selbst retten. Uns und einander.

Ich rede nicht für die Angst. Ich sage: Wachsamkeit. Gegen die Angst hilft auch, kein Schaf zu sein. Will man Schaf sein und fürchtet den Wolf, tut es gut, sich daran zu erinnern, dass die guten Hirten selbst schlachten. Wahrscheinlich schleichen sie nachts im Wolfspelz herum und heulen schaurige Prognosen gegen den Mond.

Nur wenn die Erde bebt, kann man nichts machen.

 


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