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Notizen

Viele Kanäle

Wenn eine Ausführung schon eröffnet mit den Worten "Computernetze verbinden Menschen" oder mit "der Code unter dem Außenbild ist die Realität" - wo soll die dann noch hinführen? Sie kommt ja schon her.

Die Vergangenheit des Telegrafen, des Rundfunks, ja der Post lehrt mehr als bisher beachtet. Neu ist, dass der Weg einer Botschaft, ihr angebliches Medium, an Einfluss verliert. Die Vielzahl konkurrierender, sich teils ergänzender, teils gar zusammenwachsender Übertragungs- und Speichersysteme, bestimmt den Umgang mit ihnen mehr als die Besonderheiten des einzelnen Verfahrens.

Wer etwa einen Freund etwas fragen möchte, kann ihm das ausrichten lassen, einen Brief schreiben, ein Telegramm, ihn anrufen, eine SMS senden, eine E-Mail schreiben, es im Chat versuchen usw. Wer etwas nachschlagen will, kann es im heimischen Buchvorrat versuchen, eine Leihbibliothek aufsuchen, via Web nachforschen, einen Freund fragen...

Eine Kunst, die sich einem Medium verpflichtet fühlt wie die Ölmalerei auf gespannter Leinwand, verliert die Wahlfreiheit der Krakeeler und der Beobachter leicht aus dem Blick. Eine webbasierte Netzkunst z.B. wird in dieser Weise gar nicht netzig, sondern gerät in Umstände, die eher denen der Buchillustratoren ähneln. Und die netzige Kunst, die uns Telefon, Fax, Telexnetz und Internet bescherten, steht durchaus in den Möglichkeiten der MailArt, kaum in mehr sich unterscheidend als in der Geschwindigkeit der Übermittlung und im Anteil menschlicher Arbeit bei Fabrikation, Versand und Ablage.

Die jeweilige Technik wird zum Filter, der dieser Technik wesensgemäßes Rauschen hinzufügt. Der unter solchen Effekten wählende Künstler tritt dabei als Verbraucher auf. Das Medium ist Werkstoff. Nun sind aber sich rasch wandelnde technische Übertragungssysteme eine schwer berechenbare Substanz. Daraus resultiert nicht nur die Kurzlebigkeit der Werke, sondern auch ihr experimenteller Flair. Dem starken Künstler reicht dieses Material nicht zu. Er will formen, nicht geformt werden. Ein starker Netzkünstler - was wäre das? Dem Medium gegenüber subversiv bliebe er für sich, seine Kunst würde weniger als netzig, denn als Behinderung des Netzes empfunden.

Vernetzte Übertragungssysteme begünstigen die Gruppenmailart und das Tattoo, das Design der Persona. Die kennen die Mittel des Clubs und des Leserbriefwesens. Ihre Professionalisierung erstreben sie über den Jargon der Techniker des benutzten Systems. Ihre einzige Aussicht und ihr größtes Abenteuer liegen in der Beschränkung auf die Beeinflussung der Nutzungserfahrung des Systems durch das Publikum - einem Publikum das auch anderes kennt. Bezeichnend, wenn nach Jahren der Künstler sein eigenes medienspezifisches Werk nicht mehr erfasst. Es spielte mit einer Störung der Verbindung verschiedener Zugriffsmöglichkeiten, die es längst nicht mehr gibt.

Daraus hätte nun entweder der Abschied vom Werk oder der vom Publikum folgen müssen - es folgte aber das Gruppentreffen. Zur Post gehört nicht nur der Postillion, sondern auch die Postkutsche. Mir zur Feier, sozusagen, der Wanderzirkus der Medienkünste, in denen weniger Werke von Rang als Gruppenränge erstrebt werden. So sprießt kaum Frisches, das Geleistete dient als Ruhekissen, versteckt durch "jetzt erst mal notwendige jahrelange Reflexion", die wie eine Zeitungsseite darüber ausgebreitet ist.

Der schöne Mond, am Himmel oben, wo er immer war.
Ist jetzt: echo $message[$artikel01-1]; echo $message[$adjektiv22-2]; ...
Und dann?

Ach ja: der Leseautomat.

 


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