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Notizen

Verstummt

Mein Nachbar ist verrückt. Nicht verrückter als ich, aber - genug. Er ist Rentner, er hat Zeit. Er beugt sich aus dem Fenster und lästert. Nicht so laut, dass die Leute auf der Gasse ihn verstehen. Er beschimpft sie. Ich höre ihn deutlich. Es nervt. Immer dieselben Sentenzen. "Asi, Asi, geht da einer", z.B. Das muss aufhören. Wie?

Polizei würde kaum helfen, Gewalt scheidet aus, er ist stärker, ein Gespräch - lang versucht - hoffnungslos. Das Mittel der Wahl ist die Kunst. Ein Stufenplan. Zuerst lasse ich meinen Nachbarn glauben, jeder höre ihn, sein Räsonnieren sei öffentlich. Das geht verblüffend leicht. Er findet's gut: "Sollen sie es hören, alle Asis sollen wissen, was sie für Arschlöcher sind." Das wäre geklärt.

Der zweite Schritt: Ich montiere ein Gedicht aus den Reden meines Nachbarn. Ich lasse keine Bosheit aus. Damit das Gedicht ein Gedicht ist, muss es gedruckt sein, einen Preis gewinnen. Das ist mit einer befreundeten Literaturzeitschrift rasch abgemacht. Das Neukölln-Gedicht.

Dann der Sieg: Ich nehme das Heft mit dem Gedicht, den Artikel zum Preis, das Urheberrechtsgesetz, zwei Flaschen Bier und klopfe an seine Tür. Ich will ihn nicht ärgern, ich will ihn überzeugen. "Diese Verse, lieber Nachbar, gehören mir, sind mein Eigentum. Hier die Beweise." Zeitschrift, Zeitung, Gesetz. "Du darfst sie nicht vortragen. Du kennst die Warnung auf Film-DVDs; das führt in den Knast."

Er wütet gleich, dass ich ihn beklaut hätte. Prima. Ich gestehe. "Du hast Recht - 'Frechheit siegt', sagst du oft selber." Ich gebe ihm zehn Euro. "Damit ist aber gut." Er holt Bier aus dem Kühlschrank, poltert, grummelt, wird ruhiger... spendiert eine dritte Runde. Von diesem Tag an ist Ruhe. Er lehnt am Fenster und schweigt. Manchmal murmelt er leise. Er hat extra gefragt: "Für mich darf ich's sagen, ja?" - "Klar, wenn's keiner hört, darfst du alles sagen."

So ist das mit der Kunst. Sie ändert die Welt, indem sie Eigentum schafft, wo keines war. Musike, Texte, Bilder - alles meins. Kunst macht die Welt stumm. Das ist doch mal was.

 


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