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Notizen

Verbieten

Was ich nicht mag, soll verboten sein. Was die meisten von uns nicht mögen, wird verboten. Was ich mag, soll gefördert werden. Was viele mögen, wird gefördert. So ist die Welt aber nicht. Wäre sie es, wir hätten keine Opern, aber die Todesstrafe. Damit es so nicht kommt, entscheidet nicht die Mehrheit des Volkes, sondern die der Gebildeten. Die, die darüber nachdenken, wohin Volkes Wille sie führt. Und das ist gut so, nur könnte das Volk murren. Darum fördert der Staat die politische Bildung und Massenmedien schließen sich an.

Der öffentliche Raum der Meinungen ist kein weites Feld. Wer es verlässt, gilt als Verführer, Hetzer, Hassprediger. Zu Recht, wo eine Stimme ist, wachsen Taten. Die sind dann bös und aussichtslos. Gerade mit Gewalt richtet der Kleine gegen den übermächtig bewaffneten Staat, den ihm unfassbar zahlungskräftigen Konzern nichts aus, schädigt nur Einzelne. Sichtbar böse eben. Es liegt die Macht der Verführer darin, dass sie durch ihr Auftreten offenbaren, dass das stumme Leben tatsächlich nichts gilt.

Zur Not ein äußerer Feind. Und sei es der Terror. Dann bietet das Gesamtsystem Sinn, Notwenigkeit (notwendig und unverzichtbar war das Pressemantra zur Agenda 2010), auch wenn es, wie z.B. im ersten Weltkrieg für den einzelnen Unfug ist, dafür zu sterben, dass das Land weiter vom Kaiser, statt von fremden Mächten beherrscht wird. Das hätte man damals nicht öffentlich sagen dürfen. Und so gerät das Wort, die freie Rede in den Ruf der Gefährlichkeit: wo es den Menschen auf sich selbst wirft, ohne Rücksicht auf angesagten Glauben, den Rachdurstigen in den Lynchmord redet oder umgekehrt den verzweifelten Soldaten zur Fahnenflucht - ohne fruchtbaren Boden gedeiht das Wort nicht.

Der Literatur aber - und anderen Künste auch - gelingt es manchmal, uns unserer selbst bewusster werden zu lassen. Manchmal auch nicht. Wir können als Phantasiekapitäne wilde Meere durchbrausen oder uns nackt und einsam fühlen unter den Menschen. Wir könnten dadurch zu einer eigenen Stimme gelangen, unserer - aber wenn das geschieht, begeistert es auch, wir lesen weiter und werden nach und nach zu denen, die uns nun nicht mehr zu fürchten brauchen.

Das Wort ist also harmlos, der Mensch ist gefährlich? Der Zensur bedarf nicht, wer die Täter ergreift? Das Wort ist schön - und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

Nein! All die guten Worte, das Erklären, das Vereinnahmen, das Zureden, das Führen auf den rechten Weg sind Machtausübung. Und herrschten die Weisen! - Macht ist nicht harmlos.

 


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