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Notizen

Tschüs Kostenloskultur

Ich zahle eine kleine Gebühr. Dafür darf ich samstags in der Einkaufspassage Gedichte vorlesen. Die Ladenbesitzer finden das gut. Unsere Passage, sagen sie, wird attraktiver. Von meiner Zahlung bekommen sie etwas ab. Ich muss die Blätter mit den Gedichten vorher kopieren. Sie sind nach Gebrauch oft schmuddelig. Für das Kopieren wird eine Abgabe an die VG Wort fällig - die schüttet es an Günter Grass und den Suhrkamp Verlag aus. Und die Stadtverwaltung will auch ein paar Euro für die Lizenz zum öffentlichen Vortrag. Da kommt einiges zusammen. Aber es lohnt sich. Es macht mich glücklich zu sehen, wie die Menschen sich freuen. Die Gedichte selbst gibt es nämlich kostenlos, niemand muss bezahlen um sie zu hören. Die Kosten trage ich. Wer ein Gedicht besonders mag, der bekommt eine Kopie mit nach Hause. Das gibt noch mal ein paar Cent für Suhr- und Tellkamp, aber die zahle ich gern. Schließlich bin ich ja für die Literatur. Und meine Zuhörer und Leser auch.

Seit vorletzter Woche gibt es in der Passage einen Clown. Der unterhält die Kinder und die alten Leute, die im Foyer warten, während die zahlungskräftigen Erwachsenen einkaufen. Er tritt gratis auf wie ich - wird aber entlohnt von den Ladenbesitzern, die alle zusammenlegen. Für den Einzelnen kostet das nicht viel. Eine gute Idee des Centermanagements. Ich muss auch bezahlen. "Sie haben hier einen festen Platz. Da müssen Sie etwas beitragen." Also gebe ich für den Clown. Leider habe ich jetzt weniger Zuhörer. Manche gehen lieber zum Clown. Aber ich freue mich immer noch. Genauer gesagt: ich freute mich. Bis gestern. Denn nun hat sich das Rundfunkgeschäft bei mir gemeldet. Dort kann man im Schaufenster das Fernsehprogramm verfolgen. Dafür werden Gebühren an die GEZ fällig. Die soll ich jetzt ebenfalls bezahlen. "Jeder, der kommt, um Ihre Gedichte zu hören, kann auch auf einen der Fernseher schauen, nicht wahr?" Da haben sie Recht. Nur kann ich das nicht bezahlen. Mein Geld ist ausgegangen. Ich habe fast alles, das ich besaß, für die Lesungen ausgegeben.

Eine Anfrage bei der städtischen Kulturförderung hilft nicht weiter. "Ja, wir fördern Gedichte. Damit helfen wir Schriftstellern, sich ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Leute, die kostenlos auftreten, können wir natürlich nicht fördern." Schade. Ich hätte besser nicht gefragt. Denn dem Kulturamt fällt gleich ein, dass für meine Lesungen in der Passage eine Kulturabgabe fällig wird. "Damit finanzieren wir die Autorenförderung." Ich sehe das ein. Aber es geht nicht. Ich habe nichts übrig. Die Lesungen müssen künftig ausfallen. "Auch gut", meint das Centermanagement, "wir brauchen den Platz ohnehin für einen Infostand der Klassenlotterie." Ja dann - leben Sie wohl, liebe Freunde der Literatur. Für Sie ist es kein großer Verlust. Gleich nächsten Samstag gibt es in der Buchhandlung im Erdgeschoss eine Lesung. Eintritt nur fünf Euro. Ihre Bücher signieren die Autoren dort kostenlos.

 


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