die.hor.de

Notizen

Psychose selbst erlebt


Rezension

Das kleine Gedicht, bis auf die Form an ein Haiku erinnernd, hat keinen Literaturpreis bekommen, die Autorin kein Stadtschreiberamt. Nicht einmal ihren Nachnamen weiß ich. Die Verse gefallen mir besser als die Schriften mancher Berufsdichter, aber kein Literaturverlag hat sie gedruckt. Sie finden sich in dem schmalen Band "Wenn die Seele überläuft", in dem Marie-Luise Knopp und Klaus Napp Aufsätze von Schülern der Tagesschule der Rheinischen Landes- und Hochschulklinik Düsseldorf gesammelt haben. Die unterstützt als Filiale der Martin-Luther-King-Schule die Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie - kein trostloser Ort, wie das Buch zu zeigen versteht.

"Wenn die Seele überläuft" ist auch der Titel eines Beitrags der Schülerin Pamela. In trockener Sprache erzählt sie, welcher Weg sie in die Psychiatrie geführt hat, und davon, dass sie dort Hoffnung schöpfen konnte. So auch die meisten anderen der knapp siebzig kleinen Erzählungen, Berichte und Essays. Die Psychiatrie erscheint als ein Ort, an dem man Gehör finden kann, an dem man angenommen wird. Jeder hat eine andere Reise hinter sich - aber oft sind es keine Geschichten einer Erkrankung, sondern solche der Zurückweisung, der Ablehnung, der Vernachlässigung und des Unverständnisses.

Die Welt des Alltags macht krank.

Und doch ist die Lektüre kein 'Horrortrip', kein beklemmendes, sondern ein anrührendes Leseerlebnis, nicht auf 'Betroffenheit' aus, sondern auf Verstehen. Weniger die beschriebenen Erlebnisse und Erfahrungen prägen sich ein, als die Menschen, denen sie widerfuhren. Ein merkwürdiges und seltenes Buch.

"Nicht immer gibt es ein Happy End" heißt es im Vorwort der Herausgeber. Dabei ist das Buch selber eins. Es gehört zum Projekt "KLAPSE ", einer Halbjahreszeitschrift, die inzwischen sogar im Internet erscheint und dem gleichen Ziel dient: Aufklärung. Noch heute begegnen viele Menschen gegenwärtigen oder ehemaligen Psychiatriepatienten mit massiven Vorurteilen. Ablehnung und Berührungsängste sind die Folgen. Zu unrecht. Das einzig Erschreckende in "Wenn die Seele überläuft" ist die Nähe zum täglichen Leben der angeblich 'Normalen.' So lehren uns die kleinen Geschichten oft mehr über uns selbst, als über die Psychiatrie. Die wird meist ohnehin nur am Rande erwähnt, taucht auf in Gestalt des geschützten Wohnens, gelegentlich auch kritisch hinterfragter Medikamention und regelmäßiger Therapietermine, von denen selten mehr erzählt wird, als dass sie stattfinden.

Überhaupt scheint es, dass das Leben auf 'der Station' vor allem eins bietet: einen Ort ungestörten Man-selbst-sein-dürfens verbunden mit Aufmerksamkeit nach Wunsch. Gerade das hat 'draußen' oft gefehlt.

"Bis zu meinem siebten Lebensjahr dachte ich immer, dass das Leben das schönste sei, was einem passieren kann. Doch eines Tages hörte ich, wie meine Eltern sich stritten, mein Vater war sehr laut und schlug meine Mutter auch mehrere Male. Meine Mutter schrie immer nur, dass sie nicht mehr wolle und dass sie jemand anderen kennengelernt habe... Zwei Tage später saß meine Mutter mit einem für mich fremden Mann im Wohnzimmer und sagte, dass das mein neuer Papa sei."

So beginnt es oft. Oder früher:

"Angefangen hat es vor meiner Geburt. Meine Mutter, eine Alkoholikerin und Fixerin, unternahm alles, um mich nicht auf die Welt kommen zu lassen."

Es werden keine Entschuldigungen gesucht, keine Ausflüchte. Im Gegenteil: "Doch trotzdem gehe ich für meine Eltern durchs Feuer." Gutgemeinte Ratschläge oder Belehrungen finden sich nicht. Es wird in der Regel eher nüchtern berichtet.

Hierzu wird die sorgfältige Redaktion das Ihre getan haben, aber die Atmosphäre der Besinnung und Distanz ist im ganzen Buch spürbar und wir merken, wie sehr das im Alltag fehlt: auf die eigene Geschichte zurückblicken können. Zudem macht die Lektüre Mut: viele haben ihren Weg schon wieder gefunden - wenn der auch, nach der Entlassung, oft steinig ist. Die 'KLAPSE' und dieses Buch sind ein Angebot und eine Bitte um Verstehen. Nehmen wir es an. Lisas Gedicht aber, das sei noch verraten, ist nicht das einzige Stück von literarischem Wert in dieser bemerkenswerten Sammlung.

Wenn Die Seele überläuft
- Kinder und Jugendliche erleben die Psychiatrie
herausgegeben von Marie-Luise Knopp und Klaus Napp
Psychiatrie Verlag, Bonn. ISBN 3-88414-162-7

 


©