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Notizen

Papiere, Archive

1. Ich hatte mich in den Anden verirrt. Gegen Abend fand ich eine Höhle. "Gehe nicht in Höhlen", hatte meine Gastgeberin mich warnen wollen. Sie hatte es vergessen. Ich dachte, ich könnte darin übernachten. Ich wäre nicht der erste, dachte ich. Die Höhle war klein und voller Zeitungen, alt und zerfallen. Ich fürchtete mich vor dem Schmutz und seinem Geziefer. Ich begann aufzuräumen, und es gab Geschrei. Gleich stand ein Mädchen da, hob mahnend die Hände. Diese Höhle ist Josephs Höhle gewesen. Joseph, der die Welt kannte. Joseph, der lesen konnte. Joseph, der Zeitungsmann. Im Alter sei er schrullig geworden, in die Höhle gezogen. Sie wusste nicht, wie lange das her war. Fünfzig Jahre, hundert? Ich sah eine Zeitung aus dem Jahr 1921. "Wir kommen hier her", sagte das Mädchen, "wenn wir Fragen haben. Es ist der Ort des Wissens." Für mich ist es ein Ort der Fragen geworden.

2. Ich war auf der Suche nach einem Brief. Nach dem Ende des Weltkriegs hatten in Bayern wilde junge Männer die Regierung übernommen. Ein Buchhändler war zuständig für die Artillerie. Auf wen wollte er Kanonen richten? Wenig später siegten die anderen, die, denen Menschen wie Schafe sind. Der Buchhändler wurde in eine Zelle gesteckt und die Dichterin schrieb ihm einen Brief. Diesen Brief. Insgesamt hat sie wenig hinterlassen. Eine freundliche Greisin in einem Altersheim in Leipzig bewahrt eine Schachtel, eine andere hat in ihrer Münchner Villa ein Zimmer ihr gewidmet. Staatliche Bewahrer haben fast nichts. Die Dichterin ist ihnen nicht wichtig. Wohl aber der Buchhändler, so kam der Brief ins Archiv. Das Archiv hat eine Broschüre aufgelegt, darin steht, dass es der Allgemeinheit diene und Wissen für alle bewahre. Nun kam ich und wollte den Brief sehen. Ich durfte es nicht. Zuerst sollte ich mein 'wissenschaftliches Interesse' nachweisen, z.B. durch das Schreiben eines einschlägigen Lehrstuhls. Für welches Projekt brauchte ich Einsicht in den Brief? Als ich damit ankam, war es nicht genug. Nun sollte ich meine 'wissenschaftliche Befähigung' belegen. Dem Archivar fiel auf, dass der Brief weder von psychologischem noch von statistischem Interesse war; Historiker oder Literaturwissenschaftler sei ich ja wohl nicht. Wie wahr. Schließlich waren es meine Rechtskenntnisse, die das Archiv zum Einlenken bewegten. Ich durfte. Aber ich konnte nicht. Leider sei es nicht möglich, den Brief zu finden. "Wir haben", zuckte der Mann die Achseln, "noch Jahre zu systematisieren." Das klang glaubwürdig. Ich sah endlose Reihen von Pappkartons. Darin zerfallendes Papier. Ein Ort des Wissens, auch dieser.

3. Ich habe an einem DiskMag mitgearbeitet, einem Literaturmagazin, das nicht gedruckt, sondern auf Disketten verteilt wurde. Später habe ich Literaturwebsites betreut. In dieser Zeit wurden mir viele Manuskripte geschickt. Ich sollte einen Blick drauf werfen, Tipps für Verbesserungen geben, helfen, einen Verleger zu finden. Selten konnte ich das. Von Romanen z.B. verstehe ich nichts. Dafür habe ich heute selbst Pappkartons. Vier. Ich zähle nach. 19 Romane, 11 Theaterstücke, 2 Hörspiele, 13 Pakete Kurzgeschichten, 24 Gedichtbände, 5 Sachtexte, 2 undefinierbare Projekte. Zusammen rund 18.000 Seiten. Computerausdrucke, Schreibmaschine, wenig Handschriftliches. Einige der Autoren sind inzwischen gestorben. Zu anderen habe ich den Kontakt verloren. Manche haben mir die Rechte an diesen Arbeiten geschenkt. Wenige gingen tatsächlich in Druck. Was mache ich damit? Ich weiß es nicht, ich warte. Bald werde auch ich gestorben sein, was dann? Es ist nicht so, dass jemand auf mich wartet, hofft. Viele haben längst vergessen, was sie mir schickten. Eine heute erfolgreiche Autorin traf ich neulich. Ich habe sie gefragt. "Wirf es weg", sagte sie. "Oder willst du mich damit erpressen?"

4. Ich war eher ein Junge als ein Mann und ich spielte Theater. Wir waren eine lustige Truppe mit einer kleinen Bühne und großen Herzen. Wir frischten Klassiker auf und schrieben eigene Stücke. An einem arbeiteten wir ein ganzes Jahr. Der Gruppenleiter war nie zufrieden. Aber dann waren wir soweit, der Text fertig, das Bühnenbild, wir bereit. Da kam der Chef mit der frohen Kunde, dass ein Bühnenverlag unser Stück herausgeben würde. Er zeigte den Vertrag. Sein Name stand darin als Autor - das war nicht falsch, ohne ihn wäre das Stück nicht entstanden. Geschrieben aber hatte er es nicht, keine Zeile. Geschrieben hatten wir alle und vor allem Corinna, die das wirklich gut konnte. Corinna war sauer. "Unser Name sollte da stehen, nicht deiner." Sie zerriss den Vertrag, das Typoskript, die Gruppe. Wir haben nie wieder gespielt, das Stück ist nie erschienen. Ein Exemplar bewahrte der Verlag, eins die Universität, die uns die Proberäume stellte. Ich habe später danach gesucht, als ich wieder von Corinna hörte. Sie war dem berühmten Tsunami zum Opfer gefallen. Der Verlag wusste von nichts, die Uni hatte alles weggeworfen. "Wir brauchten den Platz." Es ging um die Überlebenden eines Schiffsunglücks, die mit dem Wrack auf dem Ozean trieben, und einzig die Bordbibliothek stand als Hilfsmittel zur Verfügung. In den Büchern, meist Unterhaltungsromane, suchten sie nach einem Ausweg. An einen Satz erinnere ich mich: "Wir wollen nicht noch mehr wissen. Wir müssen endlich was tun." Das wäre meiner gewesen.

Exkurs. Vor einiger Zeit erregte sich die Weltpresse, weil an einer nordindischen Schule die Lehrer Schulbücher verbrannt hatten, um damit zu heizen. Es war ein ungewöhnlich kalter Winter. Die Bücher aber waren neu und eben erst angeschafft. Und während sich der Westen noch empörte, sprach das Gericht die Lehrer frei. Sie, die in der Schule auch wohnten, hatten keine echte Wahl gehabt. Ohne Feuer wären sie erfroren. Es hatte durchaus Tote gegeben. Das berichtete die hiesige Presse nicht mehr. Nichts sollte den Eindruck stören, dass ein Buch allemal wichtiger ist als ein Mensch, jedenfalls das Leben.

5. Immer wieder wache ich auf und bin in der Höhle in Ecuador. Ich wate durch Papier. Auch heute, fast dreißig Jahre später. Es ist kein Ort des Wissen. Es ist ein Ort des Mülls. Ich kann es nicht lesen. Es ergibt keinen Sinn. Wenn der letzte Mensch gestorben ist, landet vielleicht ein Raumschiff. Wesen in Schutzanzügen stochern im Papier. Ich weiß zumindest, was die Zahl 1921 bedeuten soll. Sie werden es nicht wissen.

 


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