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Notizen

"Ohne Menschen geht es nicht"

Nachrichten sind nichts, wonach man sich richtet, man konsumiert sie. Dargereicht werden sie von den Redaktionen zunehmend globalisierter Medienunternehmen, die wissen, was gefällt. Zwei Arten von Nachrichten haben sie zu bieten, harte ('das ist passiert') und weiche ('das sagte jemand'), mit noch weicheren wird aufgefüllt, dem Feuilleton ('XY meint', "Kritiken" zu den Konsumgütern der Kulturbranchen) und den "bunten Seiten" (Kreuzworträtsel, Horoskope, Belletristik). Zusammen gibt das eine Zeitung, eine Fernsehshow, eine Infowebsite u.ä.m. - von Menschen für Menschen. Print oder digital - egal.

Nun hat die Web-Suchmaschine Google.com ihre Suchdienste ein wenig erweitert: rund 4.000 Online-Nachrichtenmedien werden regelmäßig durchstöbert (wie oft, sagt Google nicht), so dass in den Nachrichten selbst gesucht und nebst 'deep links' gefunden werden kann. Schön und aktuell ist das, ein Suchmaschine, die nicht nur Veraltetes ausspuckt. Google.com aber ist einen Schritt weitergegangen und lässt seine Roboter gleich eine ganze Newssite aus automatisch Sortiertem erstellen. Das hat für Erheiterung gesorgt: die Maschine nämlich versteht nicht, was sie liest. Das Dada-Newsportal entsteht. Wirklich?

Ohne Menschen geht es nicht, sagen die Amüsierten, meist Journalisten, hier sähe man's. Das liegt ja auch nahe, schließlich sind es Menschen, die da informiert und unterhalten werden sollen. Und doch hat der maschinelle Blick auf die Nachrichtenwelt seine Vorzüge. Die liegen, wie die Nachteile auch, in Auswahl und Zusammenstellung. Wer weltweit in englischer Sprache fahndet, findet Kuriositäten. Lächelnd schwingt man zum Ernst zurück: der 'andere Blick' lässt stutzen, den Mund offen stehen, wortlos.

Europa zum Beispiel, erfährt man aus dem Sammelsurium taiwanesischer, neuseeländischer oder kenianischer Meldungen und Kommentare, hat seinen eigenen Kanon der Meinungen zu schier jedem zu Hause relevanten Thema, außerhalb dessen nichts gedacht wird. Südkoreanische Zeitungen schreiben ganz anderes über Putschversuche in Westafrika als österreichische, Israel versteht Wahlen in Deutschland anders als Frankreich.

Wir bemerken das sonst gar nicht. Die weltweite Vernetzung macht die Welt erst sichtbar. Sie setzt unseren eher phantastischen Vorstellungen Abbilder der Lebenswelt der Fremden gegenüber. Und da jede 'internationale Presseschau' schon wieder mehr oder weniger professionell dem heimischen Gemüt vorgefiltert und aufbereitet dargeboten wird , also kaum Neues bringt, jedenfalls nichts Überraschendes, leistet die elektrische Weltzeitung verblüffend viel: sie befreit.

Google.com hat damit ein Stück Netzliteratur geschaffen. Eine Textwelt, die ohne Vernetzung nicht möglich wäre, die nicht beschreibt, nicht erzählt, sondern verweist. Googles Newswelt ist, wie bereits erwähnt, englischsprachig und auf einige Tausend Medien beschränkt. Man kann nicht gleich alles haben. Das Projekt ist in der Erprobung, der Beta-Phase. Seinen Nutzen haben die grinsenden Kollegen aus Fleisch und Blut gleich erkannt. Täglich schauen sie nach befremdlichen Standpunkten aus, zu Recht vermutend, dass das ihrer Schreibe gut tun könnte. Wohl wissend, dass die, die man kennt, alle das Gleiche texten, nur eben unterschiedliche Interessen haben. Inhaltlich will der Robot nichts.

news.google.com ist mitnichten ein Kunstwerk. Es soll ein kommerzielles Angebot werden. So hört man zumindest. Das nun missfällt einigen der originäreren Contentproduzenten, den durchsuchten Medienunternehmen. Die sehen wenig Gutes darin, dass Google mit ihren Werken verdienen soll: Google wird zahlen müssen. Dafür kann es dann Ausschnittsmailings geben, Spezialistenressorts, Studentendienste u.a.m. Dennoch ist die Idee nicht weit von Night & Day entfernt, einer in der WWW-Geschichte frühen Arbeit der Künstlergruppe Sensorium, die in einem Kreis 24 aktuelle Bilder aus um den Globus verteilten Webcams zeigte. Die Bilder waren winzig und man erkannte vor allem, ob es jeweils hell oder dunkel war, Tag oder Nacht. Das waren die Hauptschlagzeilen.

Andererseits ließe sich auch sagen, news.google.com sei eben der Zeitschriftendienst der digitalen Bibliothek. Oder: Websites, die häufig aktualisiert werden, werden häufiger gescannt. Nichts Besonderes also? Man kann immerhin süchtig werden.
Facts & Fiction - und die Fiction liefert der Algorithmus.

Nachtrag: Inzwischen muss man einigen Aufwand treiben, das wieder zu haben. Google und ähnliche Dienste gruppieren fein nach Sprachen und Staaten. Auch hat die Presse sich beschwert, will Geld für die Verwendung ihrer Texte. Wird ihr das per Gesetz gewährt, werden die Sammlungen wohl wieder verschwinden. Wer zahlt schon dafür, fremde Inhalte bewerben zu dürfen?

 


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