die.hor.de

Notizen

Mein Kinderwort

Als Kind wohnte ich neben einem riesigen Bauernhof. Der Bauer ließ mich auf dem Traktor mitfahren und auf dem Mähdrescher. Zwar fand ich im Herbst die Stoppelfelder schön, wenn wir Drachen steigen ließen, aber die Ernte schmerzte mich doch, wenn all die stolzen Ähren fielen. "Das wächst nach", sagt der Bauer, der übrigens Papst hieß, und wenn im Frühjahr die ersten Sprösslinge sich zeigten, sagte er: "Da ist er ja, der Nachwuchs." So verstehe ich den Nachwuchs bis heute. Ich wollte nie Nachwuchs sein, den Alten, die da abgemäht werden, an gleicher Stelle nachfolgen. Was nachwuchs, war wieder Weizen, Roggen oder Hafer, immer wieder, immer gleich, ohne ein Eigenes. Ich wollte 'ich' sein, nicht Nachwuchs. Das ging so weit, dass ich als Jugendlicher ein großzügiges Angebot der Nachwuchsförderung ablehnte. Das erwies sich in vielerlei Hinsicht als vorteilhaft. Ich glaube bis heute, dass der Gebrauch des Wortes 'Nachwuchs' durch den Bauer Papst mein Leben geprägt hat. 'Oft sind es die Kleinigkeiten', höre ich sagen, mir aber sind es die Wörter.

Der Herr Papst erzählte, wenn er nicht zu arbeiten hatte, gerne Geschichten. Die meisten weiß ich noch. Zum Beispiel habe einmal ein wandernder Mönch die Bauern des Dorfes gefragt, worum sie am meisten beteten, um Wind oder Regen oder Sonnenschein, was auch immer. "Um die Gesundheit der Pferde der Edelleute", hätten die Bauern geantwortet, denn wenn die keine Pferde mehr hätten, "würden sie gewiss auf uns reiten wollen". Da mir 'Leute' an sich nicht unsympathisch waren, war es das Wort 'edel', das mich beeindruckte. Lange dachte ich, es bedeute 'verrückt' oder 'wunderlich', und später 'pervers'. "Das ist ein edler Tropfen", lobte ein Nachbar seinen Wein und ich dachte: "Aha, perverser Traubensaft." Nicht ganz so falsch, wie ich heute weiß. Da wohnten wir schon nicht mehr neben dem Bauern.

Wir wohnten neben einem Wald. Da gab es einen nagelneuen Trimm-dich-Pfad, einen Weg mit Stationen für gymnastische Übungen mit Holzgeräten. Der hieß 'Vita Parcours', was dort aber nicht stand, sodass ich es nur vom Hörensagen wusste oder auch nicht wusste, denn ich hatte mich verhört und 'Winterparkuhr' verstanden, was keinen Sinn ergab. Meine Eltern amüsierten sich köstlich und die Winterparkuhr blieb neben dem 'Gaugauger', was Staubsauger bedeutete, meinem angeblich ersten Wort, lange Teil der lustigen Geschichten, mit denen ich im elterlichen Freundeskreis erniedrigt wurde. Vielleicht achte ich deshalb bis heute die Versprecher. Meine Peotik geht natürlich darüber hinaus, meint nicht, mich zu verhören oder zu versprechen, sondern daraus etwas zu machen. Das erste Wort übrigens, an dessen Vorkommen in meinen Wortschatz ich mich erinnere, ist 'Estrichzwangsmischer', das Google heute kaum mehr findet. Das war noch beim Bauer Papst, bzw. nebenan auf einer Baustelle.

"Nachwuchs, edle Winterparkuhr" hieß dann jedenfalls mein erstes gelungenes Gedicht. Ich habe es, bis auf den Titel und die Tatsache, dass ich es der toten Droste gewidmet hatte, völlig vergessen. Meine Mutter aber nicht. Ich habe sie angerufen und erfahren, dass es doch nicht so gelungen war. Darum behalte ich es nun weder für mich, noch stelle ich es hier aus. Schade. Wir hätten nicht umziehen sollen. Oder doch? Denn "um zogen die Zigeuner" (Papst) und die habe ich immer gemocht und mag sie noch heute, auch wenn man sie gar nicht mehr sagen soll.

 


©