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Notizen

Mein Bekenntnis zum Buch?
#buchpassion

(kapri-zioes.de/2343/buchpassion-edition-mein-bekenntnis-zum-buch-9-11-9-2016/)

Ich liebe Bücher. Mein Zimmer ist voll davon. Lyrik. Als Kind las ich Abenteuergeschichten. Mit 14 die Droste, zwei Jahre lang, in den Sommerferien jeden Tag auf der Meersburg. Mir wurde der Eintritt erlassen. Mein Vater arbeitete in einer Computerfirma. Wir hatten einen Computer. Ich schrieb Gedichtgeneratoren, ich schrieb für ein DiskMag, ich gab eins heraus (Janus). DiskMags: billiger als Zeitschriften drucken. Dirks Lyrik Mailbox (BBS). Netzliteratur. So viele Bücher - ich bevorzuge mein PocketBook. Im Krankenhaus, da bin ich oft, geht mir der Lesestoff nicht aus. Unterwegs muss ich die Brille nicht abnehmen, ich stelle die Schrift groß. Digitale Texte sind leicht zu durchsuchen. Textstatistisch auszuwerten. So albern mir die Idee erscheint, das Buch elektronisch nachzubilden (Autos wie Pferdekutschen), so nützlich ist der "E-Book-Reader" (Wikipedia - [Bemerken Sie das Selbstbewusstsein von Wikipedia, das P nicht groß zu schreiben? Und ist Ihnen klar, wie "selbstbewusst", so auch "bestimmt", nicht meint, was es sagt, ausdrücklich nicht?]) Ich liebe Bücher, mehr noch liebe ich Literatur, schöne Texte, und Wissen, spannend erzähltes, aber eben auch nachschlagbares, immer besser nachschlagbares, digitale Formate mehr als gedruckte. Punkt.

Bücher sind schön. Und ich sammle sie nicht, sondern werfe sie nicht fort. Manche brauche ich täglich, andere nie, die mag ich nur sehr. Ich werfe auch fort: Weg, was nicht taugt. Meine Nichtsammlung verbessere ich durch Aussortieren seit 50 Jahren. Ich verkläre Bücher nicht, sie sind nicht mein Fetisch. (Das ist der Dieselduft über dem Asphalt der Autobahn vom Flughafen Juan Santamaría in die Stadt San José im Oktober 1978.) Mir sind sogar die Autoren egal, ich hab nur die Texte gern. (1978: Mohn und Gedächtnis und Ariel.) Vielleicht stimmt das nicht ganz, z.B. folge ich manchen Autoren auf Twitter nicht, weil mir ihre Bücher missfielen, obwohl sie dort, bei Twitter, doch nur berichten, was sie zu Abend aßen. Jedenfalls: Ohne Bücher wäre ich dieser Parallelwelt nicht begegnet. Werbetexte, Verbotsschilder... - wohl kaum. Was ich am liebsten lese, gibt es nicht immer digital - Werke aus früheren Zeiten. Ich weiß doch, wie man heute tickt, ich will was anderes wissen. Ich lese sogar Romane, aus China, Afrika... Und, ja: die von Freunden. Schluss jetzt. Bücher sind toll, digital ist besser. So lange der Strom strömt. Leider bewacht.

Mein erstes PocketBook versagte im Krankenhaus. Ich schlief ein, lag drauf, das Glas brach. Das Buch ist stabiler. Mein erstes Buch war ein Fotoalbum mit viel Text und Zeichnungen meines Vaters. Das zweite war Peter und der Wolf von Sergei Prokofjew, ein tschechisches Bilderbuch mit Schallplatte. Als ich zehn Jahre alt war, durfte ich Shelleys Frankenstein nicht ausleihen, da er zu gruselig sei. Als ich ihn mit 13 heimlich las, war ich enttäuscht. Stokers Dracula hat mir im gleichen Jahr besser gefallen. Lesen, sagte meine Mutter, die entweder geigte oder las, ist Eskapismus. Ich bin Eskapist. Mein Himmel wäre Sex, Bibliotheken sind mein Zuhause. Wie gesagt, verkläre ich das Buch nicht. Es muss nicht erhalten bleiben. Nicht gerettet werden. (Wirklich gerettet werden müssen Lebewesen in Not, sonst nichts.) Sollte die Häufung von 'ich' und 'nicht' hier nerven - die habe ich mit Elfriede Jelinek gemein. Womit ich wieder beim Autor wäre, der Autorin:

Der Tod des Autors hat mich nie berührt. Welcher Autor? Wenn ich schreibe, schreiben alle Stimmen, die ich las und hörte, mit. Zudem fühle ich mich im Gespräch. Ich kann das nicht abstellen. Ich versuche es. Darum mache ich Wörterlisten. (Vorgeblich unterlaufe ich damit das geistige Eigentum (als Idee eines der Grundübel dieser Zeit).) Als ich in jugendlicher Schwärmerei Sylvia Plaths Bienengedichte las, verliebte ich mich da in die tote Dichterin? Nein. Ich fand eine Sprache (nicht die englische, die plathsche), die mir mehr und genauer zu sagen ermöglichte. Heute, ich finde das schade, geht es nicht mehr um Gedichte. Es geht um AutorInnen. Und an denen erwähnenswert sind die erhaltenen Preise (und nichts über die Gedichte, in den Lexika z.B.). Ein weiteres Übel. Die Pest. In meiner Jugend diskutierte ich Gedichte mit Menschen, denen das Bedürfnis war. Die hatten viele Lesezeichen in den Büchern. Abschriften und Fotokopien. Lyrik, heißt es heute, boome in Deutschland. Auf Anbieterseite ist das so, die Nachfragseite schwindet wohl weiter. Egal. Gedichte merken nicht, ob jemand sie liest. Und Bücher nicht, wie man sie anfasst.

Eine Freundin empörte sich. Ich hatte Bücher in Tüten transportiert, statt in Kartons. Respektlos. Ihr Lieblingsbuch enthält Gedichte von Sappho. Meine Freundin sagt Buch, ich sage Gedicht und wir beide Sappho. Aber das Wort Sappho* (sprich Sapp-Fo) ist kein veredelnder Zusatz, der den Text besser macht, ebenso wenig die Verpackung im Buch. Der Text adelt den Namen und dieses Buch, nicht umgekehrt. (Bei schlechten Büchern ist das anders, s. Mein Kampf.) Sappho hinterließ keine Bücher. Aber ihre Verse machten ihren Namen. Den kann man nun fallen lassen.

Meine Freundin schreibt übrigens ein Buch, sagt sie. Einen Roman. Sie tippt an einer PC-Tastatur, korrigiert am Bildschirm, hat noch keinen Verleger gefunden, der ihr das druckt, will es nicht selbst tun, hat kein E-Book im Sinn, sondern freut sich darauf, es in der Hand zu halten, ihr Buch. Und das Buch passt zum Roman. Buch und Roman sind ein Paar. Buch und Gedicht allerdings nicht. Gedichte kann ich im Gedächtnis behalten, an Wände schmieren, auf Postkarten kritzeln... und in Bücher. Gedichte gibt es länger als Bücher und es wird sie geben, so lange Menschen sprechen, vielleicht auch andere Wesen.

Würde meine Freundin ihren Roman als E-Book selbst verlegen, über einen Buch- und Kaufclub vermarkten, könnte sie Millionärin werden. Aber kaum einen Literaturpreis gewinnen. Beides interessiert sie nicht. Sie will das Buch. Das soll bescheiden in ihrem Regal stehen und in der ein oder anderen Stadtbücherei. Als Beweis vor der Stadt, dass sie eins geschrieben hat. Mehr nicht. Auch ich freue mich, wenn ich ein bestelltes Buch in der Buchhandlung abhole, auspacke und aufschlage. Fast so, wie ich mich auf neue Schuhe freue.

Das Buch ist eine Ware. Sie nicht anzubeten**, hilft, sie zu schätzen. Verleger sehen oft vor lauter Propaganda die Agenda nicht. Das Buch stellt gegenüber dem Text (Sie bemerken die zielgruppengerecht bürokratische Formulierung?) einen Mehrwert dar. Ein Beispiel: Kurzgeschichten und Gedichte, die leicht im WWW erreichbar sind, bewerben die Bücher, der Absatz steigt. Leseproben hingegen bringen wenig. Ein schönes Buch ist ein schönes Buch, unabhängig davon, was drin steht. Immer auch ein Geschenkartikel. Dabei man an den denkt, der es geschenkt hat. Und man redet. Mein iPhone, mein Porsche, das Buch. Das kann nicht billig sein.

Worin sich nun, das war das Thema, mein Bekenntnis zum, meine Leidenschaft für das Buch sich zeigt? Ich repariere. Ich klebe und nähe, ich schneide zu und presse. Zuletzt Ludwig Klages' Der Geist als Widersacher der Seele. Und davor ein paar Bände Brockhaus von 1882. Ich mag die Büchermacher. Wie ich Schuhmacher mag. Ich gehe gern, auch wenn ich lieber fliege. Der Traum vom Fliegen ist längst wahr. Wenn auch: Flügge = flüchtig.

  * www.gottwein.de/Grie/lyr/LyrSapph00.php
 **Bsp.: web.archive.org/web/20080913204630/http://www.plichta.de/vita2.html

 


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