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Notizen

Mahn mal Kunst

Die Sprache der Erinnerungskultur erinnert an die der Touristik. Es ist nichts Echtes daran, nur Aufgesetztes, auf das Gemeinte, das erinnert wird, sonst fände der Akt des Gedenkens nicht statt, und doch gesondert benannt werden muss, für die Späteren, denn große Taten, wie sonnige Strände, finden sich überall, die Wörter dazu, das Geflecht der Bewegungen, der Zierrat und die einzunehmende Haltung, bleiben bei sich, zielen ohne Etikett nirgends hin. Kunst ist, wenn es anders kommt.

Ein Beispiel ist das Berliner Holocaust-Mahnmal. Es bedarf des 'Orts der Erinnerung', der Touristinformation. Das ist dem Mahnmal nicht vorzuwerfen, ist Pflichterfüllung. Die Erinnerungskultur funktioniert so. Es bleibt hier unerheblich, ob Staaten die Sitten ihrer Bürger spiegeln oder umgekehrt, man kommt aus den Erwartungen nicht heraus. Wer einer Bestattungsfeier beiwohnte, hat es empfunden. Das Berliner Mahnmal erschließt sich zugleich ohne Beschriftung. Wer nicht weiß, woran es erinnern soll, ist einem ähnlichen Eindruck ausgesetzt wie der Informierte. Das ist der Punkt, auf den ich hinaus will: die Kunst verlässt den vorgegebenen Rahmen.

Das Mahnmal ist Kunst. Seinen Auftrag könnte es, ohne Kunst zu sein, im Verein mit der Auskunftsstelle erfüllen. Es steht aber als Werk über den Kontrakt hinaus eigenständig da. Indem man es begeht, sich zwischen den Betonklötzen bewegt, wird man gefangen, beginnt sich nackt zu fühlen, ungeborgen, verloren - tritt man hinaus, blickt auf die Betonblöcke, die Wohn- und Geschäftssilos am Potsdamer Platz, zerschlägt sich jede Hoffnung auf Entrinnen. Ein bedrückendes Erleben. Man sehnt sich nach Wärme und Menschlichkeit. - Was immer der Auftraggeber wollte, was das Mahnmal leisten soll, was es wem zu welchem Zweck bedeutet: was es ist, erschließt sich, wenn man hineingeht, jedem anders.

Es gibt keine Völker, die handeln, keine Gesellschaften, die sich etwas einbilden, es gibt nur einzelne Menschen und deren Gespräch und daraus Verträge. Man kann als Symbolkundler im Beruf allerlei beabsichtigen und bedenken, es falsch oder richtig machen, man kann als Bildhauer, Maler, Texter, Komponist in der Erinnerungskultur sich mehr oder weniger geschickt in die Geschichte des Gedenkens einspinnen, gewitzte Verweise einziehen, Gimmicks, nicht Kunst, es falsch oder richtig machen, man kann als Politiker im Beruf mit der Auftragserteilung Protest oder Beifall oder Gleichgültigkeit erzielen - als Künstler schafft man nichts für die Gesellschaft, sondern für den Einzelnen, der hinein geht, der davor steht, der es hört, für einen einzigen Menschen, eine kleine Gruppe, wie der Künstler einer ist oder ein paar.

Das Gedicht zur Amtseinführung Obamas scheiterte daran, es wollte zu allen sprechen. Das Holocaust-Mahnmal ist gelungen, es kann den Einzelnen erreichen, den lebendigen Menschen. Mich. Damit hat es den Bereich der Frage, was es für 'die Kultur' 'der Gesellschaft' bedeutet, verlassen. Es ist.

So ist Kunst der Zahl Null vergleichbar. Man kann alles mit ihr malnehmen, es kommt immer die Null heraus. Nichts, das wir schon hatten, keinesfalls das Beauftragte, sorry, nichts, das etwas wäre, als es selbst. Allenfalls als Spiegel zu gebrauchen, als Fenster in jedes eigene Welt, kaum zu gebrauchen. Ein Moment des Wunders. - Das große Gespräch aber über das Mahnmal, ob es die Völker versöhnt oder die Toten, ob es Wunden heilt oder aufreißt, ob es verpufft oder wirkt, haben mit ihm selbst nichts zu tun, nehmen nur, dass es ist. Was soll man sonst auch reden?

(Auch in der Addition gibt die Kunst gerne die Null. Eine Fabrik, eine Schule mit Kunst dran, bleibt Fabrik, bleibt Schule, wird nur vielleicht kenntlicher als das, was es ist, ohne die Kunst.)
s.a. www.cyberday.de/kolumne/ausgabe_60_Spaziergang-im-Mahnmal.htm

 


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