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Notizen

Krisenblues

In den alten Notizen berichtete ich von meinem Versuch, einen Gürtel zu kaufen, der länger als ein paar Wochen seinen Dienst tut. Ich könnte Geschichten hinzufügen von Feuerzeugen und Wasserkochern, von Haartrocknern und Wäscheleinen, Socken und Winterjacken. Was man auch kauft: gleich zerfällt es wieder.

Höre ich von Preisanstiegen, der Inflationsrate, wundere ich mich. Wie kann man von einem Produkt, dessen Preis von zehn auf elf Euro gestiegen ist, sagen, es sei um zehn Prozent teurer geworden, wenn zugleich seine Lebensdauer von zehn Jahren auf zehn Monate gesunken ist? Wir wissen, dass wir täglich mehr als gestern kaufen müssen, damit die Wirtschaft wächst, weil sie sonst stirbt. Das wird weniger durch neue Waren erreicht, als durch Verfall der alten. Immer schneller.

Nichts ist mehr von Dauer. Der gute Wintermantel nicht und nicht die Schnürsenkel. Wer Musik sammelt, hat sie bald auf Datenträgern, die kein Gerät mehr wiedergeben kann. Wer heute ein Haus baut, muss früher sein Dach erneuern, als der, der es letztes Jahr tat. Nur das Papier der Bücher scheint wieder länger zu halten. Das ist schön, tröstet aber wenig. Die Regale überleben kaum noch einen Umzug, das Wissen in den Büchern bewährt sich zwei Jahre, die Kunst lebt für eine Saison.

Man kann sich nicht helfen, indem man auf teure Markenware setzt. Oft schwindet gerade die zuerst. Es darf nicht sein, erklärt ein Bekannter aus der Schuhindustrie, dass der Absatz eines Stöckelschuhs beim ersten Anziehen bricht. Man darf aber auch keinen Stiefel zwei Winter tragen. Das wäre ruinös. Vielleicht übertreibe ich. Mein altes ThinkPad tut noch, besser als der neuere PC. Die Schreibtischlampe leuchtet und leuchtet. Seit einer Reise ins Schwäbische, besitze ich zwei Hosen, die sich nicht auflösen. Es geht ja noch.

Noch. Es wird schlimmer. Jedes Jahr taugt das Zeug, das unsere Fabriken ausspucken, weniger. Mit Hunderten Millionen werden Sportschuhe beworben, deren Herstellungskosten Spezialisten in mühevoller Kleinarbeit Cent für Cent senken. Für einen halben Monatslohn kann man schließlich ein fast wertloses Produkt erwerben. Reines Image. Der Nahrung werden gesundheitsfördernde Stoffe zugesetzt. Gleicht das jeden Qualitätsverlust aus? Alles heißt Bio, Handarbeit, wie von Muttern - und verfault. Die Banken hatten das Geld nicht, das sie verliehen? Die Händler haben auch die Waren nicht, die sie verkaufen.

Wir werden betrogen. Nicht nur um unser Geld, um unsere Lebenszeit, auch um unseren Stolz. Was ist das für ein Gefühl, das Arbeitsleben der Produktion von Müll zu widmen? Was kann der Chemieingenieur, der die Haltbarkeit von Leder senkt, seinen Enkeln erzählen? Wie kann der Verkäufer verderblicher Finanzprodukte morgens in den Spiegel sehen? Ich weiß es nicht. Aber mir fällt auf, dass kaum noch einer Sinn in seiner Arbeit sieht. Karriere ist wichtig - was man tut: egal.

Wir haben ein Gesundheitssystem mit Millionen Beschäftigten, die nur dann ein Einkommen erzielen können, wenn viele Menschen krank sind. Die Schulen in unserem Land verfallen. Studenten rasen durchs Studium, Kinder werden in Horten verwahrt, für deren Betreuer schier gar keine Ausbildung erforderlich ist. Manche Ressourcen der Erde werden in wenigen Generationen aufgebraucht. Das Ende fossiler Rohstoffe ist absehbar. Aus dem Land machen wir Wüsten, die Atemluft vergiften wir wie die Brunnen. Unsere Freizeit füllen Fernsehen und Videospiele. Und die Spiele sind das Bessere - Fernsehen und Radio bieten nur Konsum. Zeit entflieht. Konsum, lernen wir heute, ist noch wichtiger als Arbeit. Aber wozu?

Am Konsum hapert es derzeit. Er steigt nicht mehr schnell genug. Die Unternehmen haben es schwerer, Kredite aufzunehmen für mehr und neue Produktion. Menschen fürchten um ihre Rücklagen. Allzu lange wird diese Krise nicht dauern. Keine drei Jahre und wir müssen kaufen - wenn wir nicht nackt gehen wollen. Es fallen uns ja die Kleider vom Leib. Und das Geld wird sich schon erholen - oder wir drucken neues. Warum auch nicht?

Warum soll eine solche Wirtschaft gerettet werden? Wovor? Vor sich selbst? Wozu brauchen wir Fluten von Tand? In der Krise, heißt es, habe sich die Stärke der Staaten gezeigt - nur diese könnten es noch richten. Aber sollen sie das? Sie sind in keiner besseren Verfassung als die Regenschirme, die wir heute kaufen können. Alles, was man von einem starken Gemeinwesen erwarten kann, wurde privatisiert. Die öffentliche Hand ist nicht mehr für das Trinkwasser zuständig, kaum noch für den Verkehr. Wir beteiligen uns an Kriegen in aller Welt, die Heimat, wäre sie bedroht, könnten wir nicht verteidigen. Eltern, die es sich leisten können, holen ihre Kinder aus den öffentlichen Schulen. Was soll man da auch? Wozu ein Abitur, wenn man doch kein Instrument spielen, keine Noten lesen kann, Sprachkenntnisse hat, aber nicht eine Fremdsprache wirklich spricht, das Rechtssystem des eigenen Landes nicht versteht usw.? Alles nur für Quizshows?

Zudem gefährdet die Rettung der Wirtschaft die Demokratie. Wenn Staaten sich für Generationen verschulden, sinkt ihr Handlungsspielraum. Nach der Rettung kommt der Ausverkauf. Jetzt am Leben erhalten, was gescheitert ist, bietet keine lohnende Perspektive, nur einen Aufschub. Vergleicht man den europäischen Alltag mit dem der Menschen im Kongo, einem an Rohstoffen sehr reichen Land, weiß man, was man beschützen will: einen der Mehrheit der Menschen unfassbaren Wohlstand. Niemand sagt, womit wir den verdient haben. Niemand denkt darüber nach, ob es einer ist. Schon der Gedanke daran, wie man im Westen altert und stirbt, müsste zur Panik führen. Manche mahnen vielleicht - unter den Millionen Stimmen hört man es nicht.

Im Inneren der Schatzreiche verteilt sich der Wohlstand um. Je mehr man arbeitet, desto weniger hat man. Ein deutscher Arbeitsloser hat es besser als ein Lehrer in Pakistan. Aber ein deutscher Arbeiter erhält gerade seinen Konsum, jeder bekommt Beruhigungspillen, doch das Eigentum am Schatz teilen sich wenige Familien. Ausgerechnet eine rot-grüne Regierung hat das Tempo, mit dem sich die Reichen von den Armen entfernen, maßlos erhöht. Ein Abteilungsleiter verdient heute dreimal mehr als vor zwanzig Jahren, seine Sekretärin weniger als damals. Das war gewollt. Die Kapos müssen beteiligt werden. Dieselbe Regierung, die auch in die Kriege wieder eingestiegen ist. Zum Krieg schwenken manche die Fähnchen, zur Umverteilung auch. Doch verbreitet sich der Eindruck, dass Politik nicht für die Menschen ist, wir zwar das Volk sind, das mit dem Staat aber wenig zu schaffen hat.

Noch geht es uns zu gut, um nach Veränderung zu rufen. Und vielleicht wird die Krise keineswegs so schlimm, wie es die Schlagzeilen verkünden. Eine Million Arbeitslose mehr - das wäre auch nur der Stand von vor ein paar Jahren. Keine Katastrophe. Kein Grund, etwas zu ändern. Es könnte alles bleiben, wie es ist. Mir gefällt das nicht. Ich sehe in der Krise keine Bedrohung, eher eine Chance. Schaut man im Großen, z.B. von der Raumstation, auf die Erde, schaut man im Kleinen, in der eigenen Nachbarschaft, denkt man darüber nach, was man tut, warum man es tut - nichts legt nahe, dass man auf einem guten Weg sei. Eine Krise kann Augen öffnen. Leider rufen wir stattdessen nach Sand, nach Träumen - die sollen dann unsere Kinder bezahlen. Die sind auch nur Mittel.

So siegt der Weihnachtsmann über das Christkind. Hoffnung ist out - her mit den Geschenken der Obsoleszenz.

 


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