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Notizen

Klappe den Schirm zu

Der erste Mensch, den ich erinnere, dass er im Regen sprach, ist, wie durch kein Wunder, meine Mutter. Sie sprach zu mir. Als mein Vater im Regen sprach, später, nachts, war der Regen bereits im Haus. Und in den Nachbarhäusern. Die Nachbarn trugen Eimer vor die Türen und warfen den Regen wieder hinaus. Da stand mein Vater mittendrin und dirigierte Eimerketten. Er hatte seinen echten Wettermantel an und Gummistiefel. Und ich war barfuss und mein Eimer war klein.

Es folgten nicht viele. Aus der Schulzeit weiß ich einen Lehrer, der hielt uns eine Rede im Regen. Aus Zucker seien wir nicht und hätten zu rennen, wie es auch gießt. Der nächste war ich selbst. Verliebt lief ich im Regen an den See und redete mich um meine Liebe. Dann in Brasilien Soldaten, die hielten Megaphone und riefen den Booten zu, dass sie nicht landen sollten. Der Regen hatte die Ufer ausradiert. Dann Polizisten in Zürich, die schützten im Regen eine Brücke - vor mir - und hatten fast die gleichen Sprechgeräte. Und Jahre später mein Freund Jürgen nach der Hochzeitsfeier. Wie mein Vater die Eimer, lenkte er Klapptische, Bänke, Kisten, Fässer, den Aufbruch.

Bereits in Berlin eine Verrückte, die sprach nach Euripides das ganze verlogene Medeastück am S-Bahnhof Neukölln. Die war allein im Regen. Man hörte ihr unter Dächern zu. Ein Trunkenbold, Nacht, die Dritte, vor meinem Fenster. Der brüllte, schrie - ich habe vergessen, worum es ihm ging. Schon wieder war ich im Trockenen. Und auch beim letzten Mal. Stipendiaten lasen auf dem Spielplatz ihre Texte. Ich blieb im Kinderblockhaus sitzen, hörte dann nichts mehr, las selber was. Zu allen anderen Gelegenheiten fielen nur einzelne Wörter, mehr als gelegentlich kein Satz.

Das ist nicht mehr wie früher, in Berlin. Wie anderswo in meinem Leben. Nicht mehr so echt. Man weiß das nicht genau, was sie im Regen reden, wenn der nicht trifft. Auch bin ich lieber still, wenn draußen die Alten sprechen.

 


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