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Notizen

Jugendmedienschutz

Die Jugend, da sind sich viele einig, bedarf des Schutzes. Aber wie? In Deutschland gibt es freiwillige Selbstkontrolle und Prüfstellen. Es werden Altersgrenzen festgesetzt (die Eltern durchaus hilfreiche Orientierung bieten können), es wird indiziert und beschlagnahmt. Wer Bücher, Spiele, Filme in Verkehr bringt, beachtet das, schneidet und formt. Das wird auch diskutiert - und so wissen wir, dass es Grenzen gibt für Sex & Crime, die Verherrlichung der Gewalt oder die Rechtfertigung der Selbstjustiz. Grenzen jenseits derer der seelischen und sozialen Entfaltung der Jugend Schaden droht. Was sagt die Wissenschaft dazu? Nun, das verblüfft: Es hat noch keiner einen Schaden finden können. Medien gefährden die Jugend offensichtlich nicht. Auch die schlimmste Gewaltdarstellung verbiegt keine junge Seele. Ganz anders als die Gewalt, die Jugendliche tatsächlich erleben.

Ich habe über Jahre schier alle seriösen Studien zum Jugendmedienschutz, derer ich habhaft werden konnte, studiert. Keine untersuchte die Jugendgefährdung, das Thema ist durch, alle analysierten die Spruchpraxis der Prüfgremien. Was als jugendgefährdend gilt, gibt einen Spiegel des Zeitgeists. Was Erwachsene spontan "krank" nennen, das wird indiziert, was sie gerade anstößig finden oder mehrheitlich nicht mögen wird Erwachsenen vorbehalten. Gutachter des öffentlichen Friedens prüfen, was Ärger mit Eltern brächte, wenn Jugendliche es sehen dürften. Selbstverständlich gilt das Strafgesetzbuch, Mordaufrufe oder Auschwitzlügen gehen gar nicht. Und darüber hinaus die Staatsräson. Das zeigt der Umgang mit Freitod und Selbstjustiz. Wer sterben will, sollte von der Psychiatrie gerettet werden, wer sich rächt, statt das der Justiz zu überlassen, kann nur im Irrtum sein, das muss man sehen. So sorgt der Jugendmedienschutz für eine halbwegs heile Welt.

Zensur ist das nicht. Es wird nur die Jugend geschützt. Auch wenn sich das nicht auf Wissenschaft, sondern auf Aberglauben stützt. Denn der Aberglauben der Mehrheit heißt Wahrheit. Und außer der beschlagnahmten Ware haben Erwachsene Zugriff auf alles, was der Jugend verwehrt wird. Oder besser: sie hätten - wenn nicht die Verleger des Markterfolgs wegen die Waren vorauseilend oder auf Verlangen entschärften, so dass man etwa manchen Film in Deutschland nur falsch kennt, verstümmelt. Und weil, was an Zwölfjährige verkauft werden darf, offener ausgelegt werden kann, als die Angebote 'ab Achtzehn', betrifft das mehr als die Hälfte aller Filme; man sieht unter dem gleichen Titel in der Schweiz oder in Österreich anderes (weit mehr) als in Deutschland. Das scheint nicht wirklich schlimm, nur traurig und albern auch. Je länger es aber den Jugendmedienschutz gibt, desto glaubwürdiger wird er. Es kann ja nicht sein, dass die Jugend vor nichts geschützt wird. Wie der private Drogengebrauch nach drei Generationen Verbot einfach böse sein muss.

 


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