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Notizen

Haptische Poesie

Noch nicht. Etwas anderes:

Am 4. Januar 1809 wurde Louis Braille als Sohn eines Sattlers in Coupvray geboren. Mit drei Jahren stach er sich mit der Ahle des Vaters ins Auge. Die Entzündung griff auf das andere Auge über _ Louis wurde blind. Dank der Hilfe des Ortspfarrers konnte er zur Schule gehen und später in ein Internat für Blinde in Paris ziehen. Für eine höhere Bildung fehlt es dort am Wesentlichen: Bücher für Blinde gab es nur wenige, in Handarbeit hergestellt, mit riesigen, abtastbaren Buchstaben. Der Schüler Louis dachte über ein besseres Verfahren nach. Als er die im Dunkeln lesbare "Nachtschrift" eines Armee_Offiziers kennen lernte, hatte er die entscheidende Idee: ein System aus Einstichen in Pappe, jeweils in 2 x 3 Punkten großen Kästchen, eines für jeden Buchstaben. Die Kinder im Internat lernten die neue Schrift schnell und schrieben sich damit Nachrichten. Louis wusste nun, dass sie funktionierte. Nach seiner Schulzeit wurde er selbst Lehrer am Blindeninternat und suchte Förderer, die den Druck ganzer Bücher für Blinde finanzierten. Es wurde ein Wettlauf mit der Zeit, denn Louis erkrankte an Tuberkulose und wurde schwächer. Zudem kam ein neuer Direktor, der von einer Extraschrift für Blinde nichts hielt, sie am Institut gar verbot. ... Louis schaffte es. Zwei Jahre vor seinem Tod im Jahre 1852 wurde die Brailleschrift in allen Blindenschulen Frankreichs eingeführt.

Eine spannende Geschichte, die nicht mit der Geburt von Louis Braille heute vor 200 Jahren begann, sondern mit seiner Entscheidung, zu kämpfen. Das Besondere ist, dass er sie traf. Oder doch nicht? Not macht erfinderisch, nicht Wohlstand. Es bedurfte einer Zeit, die die Sehnsucht nach Büchern kannte, der ihr Fehlen auffiel. Hätte ein lesefreudiger römischer Patrizier sein Augenlicht verloren und Lob, Land oder Geld geboten - wäre dann 2.000 Jahre früher eine taugliche Blindenschrift entwickelt worden? Ich streite viel mit Menschen, die das glauben.

 


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