die.hor.de

Notizen

global/lokal

Jede Form ist das erstarrte Momentbild eine Prozesses.  
Also ist das Werk Haltestelle des Werdens,  
nicht erstarrtes Ziel  

El Lissitzky 1924  

Vorbemerkung: Hypermedia und die Mittel des Internet

Ein Computerspiel wie Riven kann nur in großen Teams und in jahrelanger Arbeit realisiert werden. Allein aufgrund der heute noch überwältigenden Datenmenge ist es nicht via Internet "downloadbar". Riven ist ein Hypermediaadventure, das meint, es zeigt sich in wandelbarer Gestalt, jeweils so, wie es sich der Benutzer zusammenklickt, und es setzt viele Medien zugleich ein: Bilder, Töne, Texte, Film.

Peters Homepage ist auch ein Hypermediaadventure: völlig alinear kann man darin herumstöbern, stößt auf Bilder, Töne und ein Video, kann sich in einem Gästebuch verzweigen und, übliche PC-Kenntnisse vorausgesetzt, sogar mehrere Seiten gleichzeitig auf seinem Monitor betrachten. Und da Peters Bekannte gespannt nach intimem Material suchen, gibt es ein Abenteuer. Peter bastelte allein und nur wenige Tage.

Wann immer von den "Mitteln des Internet" die Rede ist, deren Verwendung dann angeblich Kunst in Netzkunst und Literatur in Netzliteratur verwandle, ist Hypermedia für Alle gemeint. "Das Internet" ist die Laienspielwiese des Hypermedialen. Volkshochschulen lehren das Homepaging und Wettbewerbe prämieren jede Spur einer künstlerischen Intention darin.

Dabei verändert das Internet bislang weniger die Kunst, als vielmehr die Arbeitswelt, die Politik und den Handel. Das ist gut und beabsichtigt. Dumm nur, dass diese Veränderung der Arbeitswelt auf Massenentlassungen hinausläuft, Politik sich in der Informationsflut zur Peinlichkeit entwickelt und die Händler vor allem Pornografisches feilbieten. Hier setzt die 'Jeder-Mensch-ein-Künstler'-Bewegung des Homepaging ein, eilt der bedrohten Moral zur Hilfe und winkt mit dem rettenden Image der kreativen Bastelzone. Tut harmlos und redet darüber.

Museen, Ausstellungen und Akademien walten ihrer Ämter und kanonisieren Netzküntlerisches, indem sie es mit ihren publizistischen Kanonen erschießen, auf CD-ROMs pressen, in lokale, besichtigbare Events verwandeln. Netzkunst in Katalogen und unter Ladentheken.

Die "Mittel des Internet" spalten die Netzkunstsucher in drei Lager. Den einen reicht, dass auf dem Bildschirm etwas zu sehen ist, das man anklicken kann, die nächsten legen Wert darauf, dass typische Onlinetechniken, etwa CGI, verwendet werden, die letzten machen die Beteiligung der Benutzer, etwa die Möglichkeit einem Hypertext eigene Sätze hinzuzufügen, zum Hauptkriterium des Netzkünstlerischen. Sie alle sind sehr bescheiden, ihnen ist Netzkunst vor allem netzpublizierbare Kunst.

Von der Kunst der Bildhauer hieß es einst, sie holte mit dem Meißel aus dem Stein, was in ihm schon angelegt ist. Die real existierende Netzkunst aber tut was in ihrem Meißel vorgegeben ist: sie meißelt. So kann dann getippte und netzpublizierte Literatur als Netzliteratur durchgehen, während gedruckte Literatur kaum danach sortiert wird, mit welchem Schreibwerkzeug sie notiert wurde, so können Multimediapräsentationen Netzkunst heißen, sobald sie nur eine Technik verwenden, die in der Homepageszene gerade angesagt ist. Selbst die Vorreiter der Kunst im Internet kommen darüber kaum hinaus.

Warum? Weil die "neuen Mittel" zwar verfügbar sind, die Menschen aber vorerst die alten bleiben. Weil Kunst vorzeigbare Werke abzuliefern hat, die man ins Regal stellen, an die Wand hängen, handeln oder ausstellen kann. Was Netzkunst sein könnte, entzieht sich dem Verständnis der heute publizierten Medientheorie ebenso weitgehend, wie dem Begreifen der sogenannten Netzkünstler selbst. Allenfalls Militärs haben begonnen, ihr Wesen "anzudenken" - nur eben nicht als Kunst.

I. Verbindungen von Punkt zu Punkt

Was macht ein netzpubliziertes (sagen wir mal:) Hyperfictionwerk zur Netzkunst? Die Netzpublikation allein kaum, fast alles ist digital publizierbar. Illustrationen und Musikbegleitung ebenso wenig. Und selbst ein Angebot an den Leser, sich selbst als "Drehbauchautor" zu betätigen und vorab den Verlauf der Geschichte zu bestimmen, ändert wenig am Offline-Charakter der Präsentation. All diese Effekte haben nichts mit dem Netz zu tun. Ja sogar die Möglichkeit, den Text durch Benutzereinträge anzureichern, geht nicht weit über das Einfügen per Post verschickter Leserzuschriften hinaus.

Das Netzige an der Netzpublikation ist der Transport der Daten: vom bereitstellenden Server zum Benutzer. Dies sehend gibt sich die Avantgarde des Tages zufrieden. Aber nicht jede Verbindung ist ein Netz: ein Telefongespräch zwischen zwei Teilnehmern oder ein Faxabruf sind keins.

Erst der gemeinsame Zugriff mehrerer (auch einander unbekannter) Leser brächte hier das Netz wirklich in Spiel. Nicht der eigene Weg durch das Werk, sondern der gemeinsame Weg oder ein Gegeneinander schüfen Netzliteratur. Konkret könnte das etwa so aussehen: Während der erste Benutzer versucht, einem ihm genehmen Pfad zu folgen, klickt ein zweiter schneller und nimmt damit dem ersten Entscheidungen aus der Hand. Geschieht dies annähernd zeitgleich, ist die Gegenwart eines anderen Lesers, des Mitlesers spürbar. Es beginnt ein Kampf um die je eigene individuelle Lektüre. Dies setzt natürlich voraus, dass die vorgegebenen Links etwas über ihr Ziel verraten, so dass ein zielgerichtetes Handeln möglich wird.

Wesentlich ist hier, dass durchaus ein greifbares, wenn auch chamäleonhaftes Werk vorliegt.

Ein weiteres, noch handgreiflicheres Beispiel: Die Abtastmaschine, wie wir sie schon kennen. Ein Automat tastet einen vor ihm stehenden Menschen mit zwei lebensgroßen Kunsthänden im Profil ab. Die Daten werden in einen anderen Austeilungsraum übertragen. Dort steht ein gleicher Automat und formt mit den Kunsthänden das erfasste Profil nach, den davor stehenden Menschen mal weit verfehlend, mal eng drückend. Maschinenvermittelt zwar, aber durchaus anrührend, kommen hier zwei Menschen über ihrer Körpermaße in kinetischen Kontakt. Das lässt sich, etwa im Rahmen zweier oder mehrerer Ausstellungen, beliebig oft wiederholen.

Hier ist - in der Minimalversion - lediglich eine Zweipunktverbindung erforderlich und die Automaten nehmen keine wesentlich andere Rolle ein als das Telefon. Die Verbindung wird aber auf bislang ungewohnte Art erfahrbar.

Weiter gehen die Versuche von Musikern, von verschiedenen Orten aus netzverbunden gemeinsam zu musizieren. Das Netz wird hierbei radikal auf seine Transportfunktion reduziert und befördert gerade dadurch die Kunst wirklich, anstatt sie in Technospielereien, in der Flut des Machbaren zu ersticken.

Ein letztes und besonders schlichtes Beispiel zeigt, dass es nicht einmal handelnde Menschen sein müssen, die verbunden werden. Die Arbeit Night & Day der Gruppe Sensorium stellt die Bilder von 24 Webcams, die rund um den Globus verteilt sind in der Weise eines analogen Ziffernblatts zusammen, das so den Sonnenlauf um die Erde abbildet. Dieser Idee wohnt erheblich mehr Kraft inne, als nur die, ein hübsches, netziges Bild zu produzieren. Reinhold Grether inspirierte es zu dem Vorschlag, die seit Jahrhunderten andauernde moslemische Gebetsbewegung, die ebenfalls dem Sonnenlauf folgend den Planeten umwandert, sichtbar zu machen. Ein ohnehin vorhandenes und außergewöhnlich mächtiges 'real life'-Phänomen kann damit erstmals bewusst werden.

Gleich ob die Daten nun via Http oder via Telnet ausgetauscht werden - es geht in diesen Beispielen nicht mehr um das Design von lokal installierbaren Oberflächen, sondern tatsächlich um eine - wenn auch schlichte - Nutzung des Netzes. Um das Internet als Mittel anstatt um die "Mittel des Internet".

II. Viele Punkte

Tatsächlich verbindet das Internet nicht zwei Punkte und auch nicht mehrmals zwei Punkte sondern Myriaden davon in einem sich permanent verändernden Gewebe. Das gilt als Binsenweisheit, obwohl es der täglichen Erfahrung des Websurfers zu widersprechen scheint: er klickt eine aktivierte Adresse an und erhält die gewünschten Daten von dort. Welchen Weg diese nehmen, ist ihm - zu Recht - gleich. Wahrscheinlich ist es diese Erfahrung dezentraliserter Oberflächenerlebens, die bislang den Blick für das Wesen des Internet gerade den netzbezogenen Künsten verstellte. Handeln "im" Netz gilt als das äußerst Denkbare, Handeln am Netz kommt nicht vor - mehr noch: selbst einschlägig engagierten Kreisen sind die folgenden Überlegungen kaum zugänglich.

Das Netz der Netze (was das Internet im wörtlichen Sinne ist) verbindet einen beliebige (derzeit ständig wachsende) Zahl von Dokumenten unterschiedlichster Art. Dokumente als solche sind allerdings im Sinne der Kunst primitiv. Erst ihre Verknüpfung lässt den "künstlerischen Mehrwert" entstehen. Die bislang gängigen Verknüpfungsverfahren sind der Katalog (als äußerliches Ordnungssystem) und die Assoziation (äußerlich als Montage und innerlich als Erinnerung). Bereits 1945 schlug Vannevar Busch vor, für die Verwaltung sehr großer Datenbestände in überkomplexen Systemen, Kataloge durch assoziative Verknüpfung zu ersetzen (As We May Think) - eine Idee, die Bibliothekare dazu brachte, lokalisierte Indexelemente direkt an den Dokumenten anzubringen und die Verknüpfung den Benutzern zu überlassen. In hypertextbasierten Lernsystemen wurde dies weiterentwickelt und schließlich in Gestalt des WWW einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt - wenn auch bislang in einer stark eingeschränkten Version. Anders als andere Dienste des Internet, erlaubt das WWW die aktive Verknüpfung von Dokumenten durch die Benutzer: die Arbeit am Gewebe, am "Gegenkatalog von unten" hat begonnen. Als mächtigstes Mittel des WWW zeigt sich damit der Link - und nicht der multimediale Pep der Webdokumente. Allerdings nur insofern die anklickbaren Verweise aus dem jeweiligen Dokument herausführen. Das Handeln am Netz ist damit nicht nur möglich geworden, sondern bereits täglich Praxis. Wer auf seiner Homepage einen Link zu einem Softwarehersteller und einen zu Cracks für eben dessen Produkte setzt, hat das Unternehmen bereits materiell geschädigt. Wer die anklickbare Adresse der Homepage eines Weingutes neben die einer Sekte stellt und vielleicht beides in nebeneinander aufrufbaren Fenstern anbietet, hat den Ruf des Weinbauern angetastet. Menschen, Institutionen, Ereignisse, die bislang nichts miteinander zu schaffen hatten, werden so im Bewusstsein des Besuchers mehr oder weniger unterschwellig zusammengebracht. Aus Internetverknüpfungen werden verknüpfte Nervenfasern, buchstäblich.

Das Internet ist nicht die Welt. Das Web liefert Bilder (Fremd- und Selbstdarstellungen), keine "Realitäten". Es ermöglicht ein mehr oder weniger zweckfreies Probehandeln direkt neben dem sehr absichtsvollen Treiben von Online-Händlern.

Im Gegensatz zum 'real life' aber stellen seine Nutzer die Beziehungen zwischen den vorhandenen Gegenständen ihrer Aufmerksamkeit selbst her, entwerfen ihre eigene Erscheinung selbst und verändern das Netz als Ganzes für nachfolgende Nutzer. Hier beginnt erst, was ich Netzkunst nennen mag. Bzw. hier könnte es beginnen. Denn noch herrschen der Wille zum Eiapopeia und die Fixierung auf die "Mittel des Internet".

III. Die Kunst des Webens

Netzkunst zeigt, was die Welt uns bisher verborgen hat, mittels des Netzes.
(Wie bekommt doch z.B. der Begriff 'Gebetsteppich' eine vollkommen neue Bedeutung, wenn man ihn auch als einen Teppich aus menschlichen Leibern versteht, der die Erde umspannt, statt einen Fußboden zu zieren.)
Die Rolle des Netzes ist hierbei die Überwindung des Raumes in seiner Gestalt als Wegzeit.
Netzkunst ist somit eine Kunst der Gleichzeitigkeit.

Netzkunst leistet Widerstand gegen die Überformung der Netzkommunikation durch die Angst vor dem Neuen.
Sie ist die Feindin adaptiver Als-Ob-Strategien. (Etwa der beliebten Raummetaphern - "unser fröhliches Dorf im Internet" - oder der Idee der katalogisierenden Suchmaschine.)
Netzkunst schlägt die Bilder aus der Hand.

Netzkunst ist kommunikative Kunst. Sie kennt keine Objekte. Sie findet sich in Taten, nicht in Werken. Sie gestaltet nicht Beliebiges mittels Technik, sondern steht gegen die Gestaltungskraft der Technik selbst. Sie handelt nicht in der Netzwelt sondern an der Netzwelt - ohne diese verfügbar machen zu wollen.

Netzkunst füllt nicht die Angebote der Telekommunikationskonzerne mit Gratisinhalten, sondern weckt deren Kunden auf. Ihr Ziel ist nicht die Verschönerung von Literatur sondern deren Wiederbelebung, nicht die Gewinnung von Homepagebesuchern, sondern die Verschärfung des Wettbewerbs, nicht das Liefern von Erklärungen, sondern deren Entlarvung, nicht die Wiederverzauberung der Welt, sondern die Fortführung der Entzauberung bis in die Sphäre der persönlichen Identität.

Netzkunst hebt sich damit von einem großen Teil der heute musealen Kunst ab. Sie baut keine Bollwerke gegen den Tod, sondern akzeptiert die Sterblichkeit als notwendige Bedingung des Menschseins: sie lässt das Einzelne nicht mehr gelten.

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Gleichzeitigkeit, Bildfreiheit, Unverfügbarkeit, Überpersönlichkeit, Willkür in Sinnsetzung und Sinnauflösung: das liest sich wie eine Liste der Attribute des christlichen Gottes. Eine Liste, die vielleicht schon immer die Möglichkeiten des Menschen abstecken sollte. Menschliche Freiheit kann nicht auf Dauer als bewaffnete Zivilisation realisiert werden. Aber dennoch folgt Netzkunst keinem sozialideologischen Auftrag, sie erscheint bloß als erste mögliche Tat eines menschlichen Bewusstseins der Notwendigkeit des Anderen.

Vielleicht wird sie in ihrem Streit mit den Affekten des Aneignens des Neuen schließlich das Gegenteil leisten: die schöne bunte Klickiwelt in den Alltag integrieren helfen. Sie wird - obschon heute, in einer Zeit in der noch wenige Künstler bereit sind, im Verborgenen zu handeln, niemals Waren erzeugen zu können, die ihren Lebensunterhalt sichern, kaum geboren - vielleicht nur eine kurze Zeit haben. Aber sie wird existieren und nicht folgenlos bleiben. Was aus dem Netz wird, können wir nicht einmal ahnen - die Kunst aber zieht die Reste der Naivität aus.

 


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