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Notizen

Gibt es Netzliteratur?

Kunst im Netz vs. Netzkunst.

Das Internet, heißt es, sei der Tummelplatz der Spinner. Neben den durchaus nützlichen Informationsangeboten von IBM, Unilever und Microsoft findet sich Privatestes unvermittelt in der Öffentlichkeit. All die Herz- und Schmerzdichter etwa, vor denen ansonsten das professionelle Lektorat ausreichend Schutz gewährt, buhlen um unsere Aufmerksamkeit, als sei ihnen die Ehre einer Publikation zuteil geworden. Blitzschnell und billig wird ein jeder sein eigener Verleger. Unausgegorene politische Ideen, laienhaft geführte Kulturdiskurse, kindische Kunsterzeugnisse verstopfen die Datenautobahn, behindern die Übertragung von professionellen Gameshows und den zügigen Zugriff auf die Details der aktuellen Flugzeugabstürze. Darüber hinaus bringt der peinliche Exhibitionismus des private Homepagewesens das Netz als Ganzes in Verruf.

Einerseits. Andererseits liegt im Netz unsere Zukunft. Online-Shopping, Telearbeitsplätze, wissenschaftliche Gleichschaltung versprechen den Fortschritt, den die gerade siegreiche konservative Ideologie sich wünscht. Da den ohnehin arg strapazierten Unternehmen größere Risikoinvestitionen derzeit nicht zugemutet werden können, tragen die öffentlichen Kassen die Kosten. Aus dem selben Grund ist das Ausufern des Hobbysektors im Netz förderungswürdig - kommt doch die Beschäftigung mit dem Netz einer selbstfinanzierten Fortbildung der Arbeitnehmer von morgen gleich. Für die möglichen schädlichen Folgen der Internetsucht steht ein gut ausgebildetes Heer ansonsten unterbeschäftigter Psychologen bereit.

Somit darf das Hobbytreiben nicht verteufelt werden, es ist, wie jede Beschäftigung mit neuer Technologie, an sich gut und es kommt darauf an, was man daraus macht. Viele Geschichten von heute erzählen von einer vernetzten Zukunft, von ihren Gefahren und ihren Segnungen. Die Gefahren resultieren allesamt aus den noch unterentwickelten Zensurverfahren, der Segen fließt aus der vermeintlichen Stärkung der Demokratie durch eben diese Schwächen der Zensur. Hier darf gestritten werden und die Konservativen verkaufen sich als innovativ, indem sie gegen die Zensur antreten - so wie sie, zumindest in Deutschland, politically correctness für ganz albernen Krampf halten mussten. Nun soll das Netz auch schön werden, wozu es mit Kunst garniert wird. X % für Kunst am Bau. 

Es zeigt sich aber, dass professionelle Künstler sich für die Arbeit im Netz kaum interessieren. warum? Die Antwort scheint auf der Hand zu liegen: wovon sollten sie leben, womit ihr Brot verdienen, wozu also überhaupt tätig werden, wenn doch im Netz alles gratis ist? Aber das ist nicht wahr. Im Netz ist keineswegs alles gratis, jeder beliebige Pornoanbieter führt den Gegenbeweis. Auch spräche in einer Zeit, in der der gesamte Kulturbetrieb in einem Kokettieren mit Kopien sich erschöpft, nichts gegen Zweitverwertungskonzepte. Der Grund liegt also nicht in den Mängeln der Inkassosysteme, sondern eher in der Aussichtslosigkeit, Kunst im Netz zu verkaufen. Dies entstammt der Selbsteinschätzung des Kultur-Freelancers. Der Konsument zahlt überhaupt nicht für Kunst, er leistet sich Entertainment, er kauft kein Bild, sondern einen Wandschmuck und das gute Buch gilt als schwierig und ist darum ja so perstigeträchtig. Das ist alles nicht neu. Die Netzabstinenz etwa der Berufsschriftsteller war zu erwarten.

Die "Förderung der Künste" im Netz steht vor großen Herausforderungen. Mit Hilfe von Sponsoring, Wettbewerben und Galerievermarktung soll ein Anfang gemacht werden. Einer bloßen Übertragung von Offline-Werken ins Netz steht der hausgemachte Anspruch auf eine eigenständige Netzkultur im Wege, der stellt wie ein Türsteher die warnende Frage nach einer Selbsttransformation der Künste beim Wechsel von der "Gutenberg-Galaxie" in das "Leibniz-Universum".

Es ist erst einige Jahre her, dass ein paar deutsche Schriftsteller öffentlich beklagten, die Entpolitisierung der Alltagskultur folge aus eigenen Fehlern, der übertrieben Schmähung des Nationalbewusstseins nämlich. Das markierte einen Wendepunkt, den Punkt, an dem, wie in anderem Zusammenhang - und in Deutschland etwas verspätet - deutlich wurde, sich konservative Gesinnung, okkultistische Schwärmerei, technischer Fortschritt und Globalisierung die Hände reichten. Unter dem Modewort der "Beliebigkeit" versteckt sich ein Zeitgespenst, dessen innerstes Interesse der Wahrung von Besitzständen gilt. Aber auch Ratlosigkeit.

Öffentliche Auseinandersetzungen gleichen sich in Inhalten und Methode weiter einander an. Ob über Ladenschlusszeiten oder die Rechtschreibung, genmanipulierte Nahrungsmittel oder Handelsliberalisierung gesprochen wird: die Sechziger- und Siebzigerjahre sind vorbei. Eine wissenschaftliche Erkenntnis, eine Tondichtung, ein neues Automobil - alles kann nach dem gleichen Schema begriffen werden. Das Megaphon des Geisteslebens ist das Feuilleton, geisteswissenschaftliche Fakultäten bilden für das Feuilleton aus, Kunstwerke werden für das Feuilleton geschaffen. Hier dominiert der romantisch wilde Künstler, der vermeintlich innovative, der dissonante, kurzum: eine Kunstauffassung, die in permanenter Kritik der Moderne diese fortschreibt. Das Feuilleton ist der uferlose Werbespot des Kulturbetriebes, der von sich selbst glaubt, sich in kritischem Hinterfragen sofort selbst aufzulösen. Es ist das Ruhebild eines rasenden Kreisels, der Hochkultur simuliert, um Dekadenz zu verstecken.

Das Homepagewesen ist ebenso Ausfluss dieser Dekadenz. Weit davon entfernt, der große Egalisator zu sein, ist das Internet die Spielwiese der Reichen. Der deutsche Arbeitslose hat Zeit und Geld genug, sich zusammen mit Gymnasiasten, Hausfrauen und Studenten dem Privatisieren auf elektronischen Wandzeitungen hinzugeben, dem größten Teil der Weltbevölkerung bleibt dieses Vergnügen hingegen verschlossen.

 Der massive Identitätsschwund in der Massengesellschaft der späten Moderne bringt den Druck einer zunehmenden Notwendigkeit der Selbstdarstellung gleich mit. Dem Konservativen gefällt's, ist er doch für jedes harmlose Plätzchen dankbar, an dem sich potentielle Unruhestifter störungsfrei austoben können. Aus dieser Perspektive gehören die Spinner einfach zum Internet: es ist ihr Reservat, bis es für Wichtigeres gebraucht wird und sich ein anderes findet. 

Wo viele sich tummeln und mit ihren Ausdrucksmöglichkeiten experimentieren, entsteht Kunst. Kunst ist die Frucht der Muße, des Überflusses. Um die echte Kunst von Ausschuss und vom Kitsch (der auf Stimmungsmache zielt) unterscheiden zu können, werden die Maßstäbe des Feuilletons angelegt. Diese nennt man: die Tradition. Sie versagen allerdings da, wo die Kunst im Netz den Rahmen persönlicher Selbstdarstellung verlässt, sie versagen, weil sie ihre eigenen Spielregeln für die Tradition der Künste selbst halten und deren tatsächliche Lebendigkeit für Subversion. Nur geschieht das selten, denn aus dem wohlig satten Dasein entspringt das Harmlose.

Die Rede über die Kunst im Netz krankt zumeist daran, dass sie bloß einschließt, was auch ohne das Netz seinen künstlerischen Anspruch hätte behaupten können. Aber auch umgekehrt wird es nicht besser: Wer ein Gemälde für gestaltete Leinwand hält, ein Gedicht für gestaltete Sprache, der wird auch im Netz nur nach verblüffenden Effekten Ausschau halten, wer Typographie als konstitutiv für Literatur ansieht, der wird nun Animation als konstitutiv für Netzkunst begreifen.

 Kunstförderung im Netz scheitert daran, dass die zu fördernde Kunst erst ins Netz gebracht werden muss. Sie lässt sich dort nicht finden. Der akademische Maler scheut das Netz, weil er kein Honorar erhält, der Graffiti-Sprayer, weil es legal ist, das literarische Kränzchen, weil es so technisch ist, der Staatskapellmeister, weil die Technik nicht zureicht. Wer sucht, der findet nichts. Warum wird dann überhaupt gesucht? Warum soll gefördert werden? Weil der Kultursektor eines neuen globalen Kommunikationsraumes nicht sich selbst überlassen bleiben darf! Weil die konservative Ideologie eine eventuell unüberschaubare Mitwirkung der Kunst an der Entwicklung des Netzes für bedrohlich halten muss. Weil im Kern des grenzenlosen Experiments das heilige Dogma "keine Experimente" steht. Die innere Widersprüchlichkeit geht so weit, dass der hier als Feuilleton subsumierte Apparat aus Akademien, Hochschulen, Schulen, Massenmedien, Kulturmärkten, Museen, Festivals und geistiger Tagelöhnerei den Großteil seines Aufwandes in deren Übertünchen investieren muss. Ein Beispiel: der täglich anschwellenden Klage über den desolaten Zustand deutschen Kunstschaffens folgt nahezu immer der Ruf nach mehr staatlichen Fördermitteln. Sogar von Arbeitsplatzsicherung ist in diesem Zusammenhang schon die Rede gewesen. Von einem Künstler leben nun schon fünf Sekundäre und diese Grenze verblasst. Es geht dem Kritiker wie dem Künstler, auch er erhält für seine Arbeit im Netz keinen Pfennig. Doch er darf das Netz nicht ignorieren, er muss sich einbringen, wenn er nicht morgen schon sein Brot verlieren will. Technisch wäre ein Pay-per-View-Feuilleton kein Problem - allein, wo liegt der Vorteil des bezahlten Feuilletons vor den Elaboraten privater Homepages? Ist die Wichtigkeit des Feuilletons fähig, die Konkurrenz einer Freeware-Homepage aus Schülerkreisen zu ertragen? Würde die überlegene Professionalität nicht urplötzlich, ihrer reizlosen Uniformität überführt, bloß noch im Abkassieren bestehen? Dies gewiss nicht - aber glaubt das der Internet-Surfer? Wird er es glauben, wenn die täglichen kilometerhohen Papierberge der Mehrheit unerträglich geworden sind? Wird er nicht doch lieber bezahlen, wenn er die Wahl zwischen einem Meisterwerk zu DM 2,50 und einer Kinderzeichnung für DM 0,00 hat? Das sind die Fragen, die mit Netzkunst nichts zu schaffen haben

 Die Feuilletonisierung der Kunst im Kulturbetrieb ist das Anliegen des Konservativen von je her. Die Fahne des Neuen vorantragend, die dem Feuilleton immer die Fahne der Tagesaktualität ist, singen sie das hohe Lied der Professionalität. Das Feuilleton liebt die politische Kunst, wo sie tagespolitische Kunst ist. Das Feuilleton handelt Kunst und Kunstdistribution als eins. Kunst erwacht, wenn sie das Unversönliche zusammenfügt, sie stirbt im Entstehen, wo sie das Material teilt und gegeneinanderstellt. In diesem Sinne wird Kunst heute für das Feuilleton geschaffen. Kunst ist damit harmlos.

In Wirklichkeit findet kein Gespräch zwischen Kunst und Feuilleton mehr statt. Das Feuilleton hat die Kunst durch eine andere, die Feuilleton-Kunst ersetzt. Von dieser soll im Folgenden nicht mehr die Rede sein.

 Dem Kunstwerk ist es gleichgültig, wer es geschaffen hat. Die Rede ist darum vom Kunstakt. Der Kunstakt wird im Internet öffentlich. Darin liegt kein Bruch mit der Tradition, sondern ihre Wiederaufnahme. Der Kunstakt ist ein schöpferischer Akt, keine Tat des Designs. Kunst will die Welt nicht mitgestalten, sondern erschaffen. Die Kunst darf sich daher der Technik nur im Spiel verbinden oder in der Gerinnung. Man stelle sich vor, eine Nuklearwaffenfabrik fiele in die Hände eines Künstlers oder eines Kindes.

Das Internet, unsere eigene kurze Lebensspanne täuscht, ist noch jung. Es wird. Und es wird Unabsehbares. Diesem Werden verbindet sich echte Netzkunst, versucht, es zu beeinflussen, kriecht hinein, breitet sich darin aus, baut eigene Welten in der großen neuen Welt und droht zum Krebsgeschwür zu werden.

Dies ist keine neue Kunst, sondern lebendige Kunst, wie sie immer war. Sie wird kaum aus dem satten Europa, Japan oder den USA kommen. Sie erwacht in den Ländern des Südens, der ehemaligen Sowjetunion, bemächtigt sich des globalen Verbundes und wird unsere Entertainment-Artefakte hinwegwischen. Noch erleben wir afrikanische Musik, Literatur aus Bangladesch und bolivianische Malerei als exotische Moden - das wird sich ändern. Unser Kulturbetrieb ist einer Kunst, die sich als Ausdruck des Lebens anstatt als Ausdruck einer Farbtube versteht, nicht gewachsen. Wir verfügen nicht einmal mehr über die Sprache, um sie benennen zu können. Diese Kunst will die Welt nicht heilen, sondern zerstören. Seit etwa zwei Jahren entstehen neue Virentypen, die in unseren Computern die skurrilsten Effekte hervorrufen, nicht bloß destruktiv wirken, auch schön, nicht mehr auf virale Ergonomie ausgelegt sind, sondern auf künstlerischen Gehalt. Sie werden nicht von Netzyuppies aus Seattle programmiert, sondern von Softwareknechten in Indien. Das ist kein Zeitvertreib, es gibt keine Zeit zu vertreiben, es ist ernst. Fiese Mafiosi aus der Ukraine versuchen Falschmeldungen in Pushkanäle einzuschleusen, nicht um sich dadurch irgendwie zu bereichern, sondern um die ach so virtuelle Medienwelt im Ganzen unglaubwürdig zu machen. Ein ISP in Callao stellt Werbung für Produkte, die es gar nicht gibt, ins Netz, in China berichtet ein Online-Magazin über subversive Kulturschaffende, die dann wirklich verfolgt werden, aber doch ebenso wenig existieren, eine deutsch-japanische Textdatenbank ist durch künstlerisch motivierte Sabotage ganz zweckentfremdet worden und gibt mittlerweile nur noch Zufallsmischungen der in Textbausteine verwandelten Originaldokumente aus. Dummejungenstreiche? Kaum, aber wir verstehen es nicht, zu sehr schauen wir aufs Ergebnis, auf das, was der Maler dem Fürsten abliefert.

Wer wirkliche Netzkunst sucht, wird fündig, wenn er nach Subversion, Sabotage, Fake und Inkriminiertem Ausschau hält.

Die Musen gelten uns als pittoreskes Bild für das, woraus der Künstler seine Inspiration bezieht. Aber es sind schreckliche Götter, fähig, Reiche zu stürzen. Wen es nervt, mit welchen Belanglosigkeiten und zotigen Pseudoprovokationen uns das Feuilleton füttert, der schimpfe nicht auf die Kunst, sondern suche sie auf: in den Irrenanstalten, in den Gefängnissen, in den Archiven der Zensoren, im Internet. Der Kunst kann man nicht begegnen und weiterleben wie zuvor. 

Und was ist also Netzliteratur? Netzliteratur ist das Gespräch in den Drähten, die entfesselte Lust, mit der Sprache Welten zu erschaffen, die so unwirklich sind, wie der Raum[1] in dem sie entstehen und so wirklich wie man sich auf sie einlässt. Netzliteratur scheint auf der Höhe des technischen Fortschritts, aber das täuscht: barfuss kommt sie daher und den Geist, der sie aufnimmt, zerstört sie.

[1] Es gibt einen solchen Raum nicht. Wir stehen Medien gegenüber. Wir verbringen Zeit damit.

 


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