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Notizen

Führer und Flaschengeist

¿Qué quedaría de un cuadro de Velázquez si cada color se fuera por su sitio, cada hilo de la tela se soltase, cada trozo, de madera del bastidor se separase de los otros? (Was bliebe von einem Gemälde von Velazquez, wenn jede Farbe ihren Platz verließe, jeder Faden sich aus dem Gewebe löste, jedes Holzstück des Rahmens sich von den anderen trennte?) Notiert hat diese Schreckensvision der Opus Dei-Gründer Josemaría Escrivá unter der Nummer 624 in seinem Buch Camino, dudasytextos.com/opusdei/camino.htm (dt. 'Der Weg'). Das ist mir in Jugendjahren in die Hände gefallen. Ich könnte sagen, es ist unter die Räuber geraten, unter meine Gedanken. Was würde aus dem Bild? Der Beschreibung nach nichts, es zerfiele in seine Bestandteile. Velázquez ist der Zusammenfüger (Symbolisierer?), doch weder Leinwand noch Rahmen hat er selbst geschaffen, nur den Farben ihren Ort zugewiesen. Verließen sie ihn, wäre es kein Bild von Velázquez mehr, sondern vielleicht ein anderes, das Naturschöne oder etwas, das wir nicht verstehen. Das meinte Escrivá nicht, ihm kommt es gerade auf das Stoffliche an, auf das Sichfügen zu Leinwand und Rahmen, zum Bild - darauf, dass alles an seinem Platz sein muss, damit sich ein bestimmtes Ganzes ergibt, also das Werk Gottes (Opus Dei). Er nimmt das Beispiel, die Notwendigkeit einer Hierarchie zu illustrieren. Kurzum: Tod, die Zellen des Körpers zerfallen. Warum aber Velázquez? Hätte es eine leere Leinwand nicht getan? Der Maler tritt hier an Gottes Stelle, repräsentiert den Schöpfer, der alles gemacht hat, auch wenn er es nicht gemacht hat. Ohne Maler kein Bild. Just als ich das las, erlebte ich, wie ein Holzbrettchen, das zum Abstreifen der Pinsel diente, zum Gemälde wurde, indem ein Atelierbesucher es erwerben wollte (und, da der Maler ein Schelm war und Geld gut gebrauchen konnte, auch erwarb). Was dem Holz noch fehlte, war die Signatur, der 'Velázquez', die war schnell angebracht. Darum und weil ich das, was Escrivá wollte, nämlich blinden Gehorsam, nicht mochte, habe ich den Satz vorsätzlich missverstanden, so, dass aus dem Bild von Velázquez 'ein Bild nicht von Velázquez', ein freies, ein lebendiges Bild würde. Zugleich habe ich gelernt, dass der Maler das Bild nicht allein erschafft, dass auch der Betrachter seinen Beitrag leistet. Manchmal braucht es den Maler gar nicht, die Illusion, er habe geschaffen, reicht dann aus. Ähnlich ist Escrivá Welt konstruiert, in der alle Ordnung Hierarchie ist, kein Kehrichthaufen (Heraklit) zufällig sein kann, jedes Stäubchen sinnvoll sein muss durch die Funktion, die es auch dann erfüllt, wenn wir sie nicht verstehen - der Maler und der Schöpfer, die wissen, wie es gemacht ist. Wenn Gott den Hiob andonnert, wo der denn gewesen sei, als ER die Erde gründete (38.4), ist Hiob Pigment, Holzsplitter, Faden, schon dabei, sich davonzumachen, was Hiob auch einsieht, wie der Deserteur seine Hinrichtung (42.6). Keine Probe aufs Exempel wäre, das Bild zu zermahlen und das Mehl auf den Boden wehen zu lassen - wohl aber, abzuwarten, bis die Zeit das erledigt. Wenn wir das könnten. Dass wir es nicht können, wir leben nicht lange genug, ist Escrivás Mittel der Überrumpelung und zugleich die Größe des Velázquez. Beide, die Verehrung des Malers und der Glaube an den göttlichen Uhrmacher (Paley) halten uns klein, oder, wie Escrivá es nennt, demütig. Dumm ist nur, dass Velázquez danach nichts hätte malen können. So entstehen immer nur totalitäre Systeme, Körper, die sich selbst genügen. 'Was wäre Leben, wenn jede Zelle, jedes Molekül ewig an seiner Stelle bliebe?', so müssten wir Sterblichen fragen, die nicht wie die Götter einen Ort über der Zeit wissen. Dann aber ließe sich bezweifeln, dass die Anbeter der Künstler, die Geniefrommen, die Kunst überhaupt sehen (können). Zu weit hergeholt? Keineswegs: Modernen Autoren fällt das Schreiben gewöhnlich schwerer als mittelalterlichen Kopisten, schwerer auch - wie Thomas Mann einmal festhielt - als anderen Menschen. Deshalb sind sie die meiste Zeit ihres Wirkens gar nicht mit Schreiben, sondern mit Nicht-Schreiben befasst. Für die Nachwelt blieben davon neben ausgerissenen Haaren keine bedeutenden Zeugnisse zurück, legten die zu beschriftenden Blätter selbst nicht oftmals selbst Zeugnis ab vom dramatischen Ringen um Einfälle und deren sprachliche Formung. (Zitiert. n. lyrikzeitung.wordpress.com/2010/04/14/68-randzeichnungen/) Was nach uns Menschen kommt.

 


Von Matthias Weber: Ein Bild, das nie fertig wird. (Ich bin schuld.)

 


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