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Notizen

Frau Seele

I.

Mechthild liebt Martha und Martha liebt nicht.

Martha bindet Blumen um Kreuze. Sie nimmt dazu einen feinen, grün lackierten Draht.

Ihre Finger sind wund.

Mechthild schläft. Wenn sie nicht schläft, wälzt sie sich auf der Matratze oder starrt ins Leere.

Mechthild kann nicht schreiben. Sie diktiert.

Martha meidet den Schmerz und die Lust und lebt in allen Dingen ein gefahrloses Mittelmaß.

Mechthild wird sterben.

Keine geilen Männerblicke folgen ihr nach. In keinem Geist der kribbelnde Druck ihre Schenkelinnenseiten hinauf wandernder Fingerspitzen. Sie ist "die Kranke". Martha aber schwingt ihre kugeligen Pobacken, schlürft Licht mit flirrenden Pupillen und maskiert sich als romantisches Überraschungspaket. Sie will ewig leben.

Morgens wachen beide Frauen früh auf, mit den ersten Sonnenstrahlen, und sehen auf die Straße - Mechthild übrigens mittels eines gewaltigen, Bronze gerahmten Spiegels, den Martha unter der hohen Zimmerdecke verschraubt hat.

"Zeitungen, Zeitungen", ruft unten ein graues Männchen ohne Namen, jeden Tag, ein halbes Leben lang und schon mehr als 10 Jahre über das Ende der letzten gedruckten Tageszeitung hinaus. Mechthild hatte ihn gekannt. Martha fährt den Computer hoch und setzt Teewasser auf.

"Frauen lieben Tee bei Sonnenaufgang", sagt sie, aber Mechthild schweigt und hasst Tee, vermutend, gerade diesem Tee die Notwendigkeit häufigeren Bettflaschengebrauchs zu verdanken. Sie wohnen zusammen. Drei Jahre ist Martha jeden Morgen mit dem Bus gekommen, dann zog sie ein. Sie nimmt Geld.

Früher, ja früher hat Mechthild selbst viel unternommen. Sie hatte weite Teile Süd- und Osteuropas bereist, ein mehr oder weniger windiges Institut zur Ausbildung begüterter Mädchen für soziale Berufe gegründet und dann eine schon bald wieder zerstreute Sekte, ziemlich agnostische Abspaltung von Jehovas Zeugen, und schließlich ihr Glück in der Erfahrung des Schmerzes und im Aufspüren winzigster Gemütsregungen gefunden. Martha tut ihre Arbeit. Als Schülerin hatte sie davon geträumt zum Mond zu fliegen - aber heute ist ihr der Mond "ein Ding für alte Weiber".

Sie verstehen sich nicht. Klingelt es etwa an der Haustür, springt Martha gleich, während Mechthild nie jemandem öffnen würde. Es klingelt.

II.

Gebhard Sasse weiß, was Frauen wünschen. Im Grunde teilt er diese Wünsche. "Der Mann mit dem Schlauch", nennt er sich. Staubsaugervertreter. Wie kommt man dazu?

"Die Kinder sind aus dem Haus", sagt zum Beispiel Petra, die Gattin des Lokomotivführers, "aber schon seit dem letzten Abstillen hat sich kaum jemand mehr für meine Brust interessiert." Beide wippen lose in ihrem tief ausgeschnittenen T-Shirt herum. Das ist es nicht. Gebhard ist Strafentlassener. Er wird für den Rest seines Lebens Strafentlassener sein. Sechzehn Jahre wegen zweifachen Mordes. Für den Haushaltsgerätehersteller hat er schon in der JVA gearbeitet, auch zwei ganze Jahre als Freigänger. Die harten aufrechten Brustwarzen, die sich an den feinen Stoffen reiben, sind nichts als ein Vorurteil, haltlose Vermutung.

In die Häuser, die seine Kunden bewohnen, liefert er Staubbeutel aus, alle drei Monate. Er ist spät dran - so heiß auch die Sonne heute brennt, die Wege werden längst täglich mit buntem Laub beworfen.

Als er noch jung und töricht war, hat er gemordet. Nun, er schmeckte es aus der Luft, ist es an ihm abzutreten. "Das wird nicht freiwillig sein", sagt er sich, "aber es wird."

Er fischt einen der neuen Prospekte aus dem Kofferraum, lächelt, als übe er kurz, und klingelt.

III.

Martha ist eine Ausnahme. Gebhard hat sich mit ihr schon im Kino getroffen. Und zum Essen. Sie würde die Tür zum Zimmer der bettlägerigen Greisin schließen und allfällige Proteste trotzig überhören, sie würde ihm einen Kaffee kochen, während er ihr bereits die Bluse aufknöpfte, sie würde bemüht ein verlegenes Jungmädchenlächeln auf ihr Gesicht zaubern - auch wenn sie ihm an geschlechtlicher Erfahrung um Jahre voraus war. Er steigt die steile Treppe hinauf, zwingt sich, nicht zu heftig zu atmen und spürt schon den ungeduldigen Puls seines Gliedes am fest gespannten Hosenstoff. "Was heißt das schon, ein Mensch zu sein", denkt er, während die Luft knapp wird.

Mechthild richtet sich auf. Ihre Augen rollen zur Decke, der riesige Spiegel wirft sie ihr zurück. Lange verharrt sie so. Schließlich belebt sich ihr Gesicht. Heute ist Dienstag. Er wird kommen. Martha wird gehen. Anschließend wird sie Martha nicht in ihr Zimmer lassen, wegen des Geruchs. "Ich bin ein lebendiger Mensch", sagt Martha immer. "Das", denkt Mechthild, "ist mein Fehler." Es klingelt.

IV.

Kommissar Greve ist durch nichts zu erschüttern. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Der Kerl lügt.

"Natürlich hatten Sie keinen Geschlechtsverkehr." Er spricht langsam, tastend, als denke er bloß etwas lauter. "Diesmal nicht. Versteh ich Sie da richtig?"

"Ja", antwortet Gebhard Sasse und wiederholt, dass er die Wohnung im vierten Stock heute gar nicht betreten hat. Greve glaubt ihm nicht. Wem glaubt schon ein Greve.

Er wendet sich wieder dem Fenster zu und heftet seinen Blick an eine der Wolken. "Sie haben sie erdrosselt, weil sie sich weigerte." Auch er sagt seinen Satz als eine Kopie. Es ist Nachmittag und am Himmel oben könnten seine Augen Mechthilds Augen begegnen. Sie würden die Umrisse der großen weißen Wandeltiere ertasten und vielleicht ein Stück weit gemeinsam gen Regenzeit ziehen. Stumm. Denn so jung Mechthilds Augen mit einem Mal wieder sind - sie werden zu keinem Menschen mehr sprechen.

 


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