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Notizen

Erzählen, als wär ich dabei gewesen (Teil 2: Hörensagen)

Ein Bekannter eines Freundes berichtete... So beginnen die Wandersagen, die man billig im Netz sammelt, ein Buch zu machen. Bekannte und Freunde schrieben und sagten, ich solle meine Notizen und Basteleien wieder ins Netz stellen, dass sie sie sehen könnten. Ich tat es, verschickte die Botschaft und sah, dass ich mir selbst Falsches berichtet hatte. "Ja, so was." "Wozu denn?" "Das musste nicht sein." Und einen anderen Bericht erhielt ich, eine wahre Geschichte, bestimmt, ich hatte sie erlebt. Nun hat sie über einen Mittelsmann den Protagonisten gewechselt, nährt einen Schauspieler, wo ich Laiendarsteller war. Es rückt das Erzählen und Wiedererzählen einiges gerade. An der Oberfläche ist immer ein Augenblick des Geschreis, aber darunter webt die Stille Post, was nachher als Wahrheit gilt. Heinrich von Kleist, einer der Meister des Auslachens der Legende durch Bericht, erfand sich dafür ein schönes Beispiel selbst, im Herbst 1810, als er beinahe Christian Morgenstern war: Den Entwurf einer Bombenpost.

 

Scheinbar unbefriedigt von der Beschränkung des Telegrafen auf Nachrichten, schlug er vor, Pakete per Kanone zu befördern. Es ging ihm aber um ein Beispiel des Ferngesprächs, den folgenden Dialog: "Wie geht es dir?" - "Recht gut." Und er entgegnet als eine zweite Person in einem fiktiven Leserbrief an die Berliner Abendblätter, dass die Mehrheit der Antworten tatsächlich betrüblicher ausfalle, so dass nicht zum Draht das Geschütz, sondern statt der wahren Nachrichten falsche, viele, sehr viele, gute oder zumindest neutrale, kommen sollten. Eine ganz andere Auffassung der Verbesserung der Verbindung. Als Redakteur der Zeitung und dritte Person schlägt er den Einwurf aus, weist den Versuch der Bombardierung schlechter Nachrichten als Ironie oder Persiflage zurück und kündigt Aktien der Bombenpost an. Nun liegt die Persiflage offen im ersten Text und ihr Produkt im dritten, während dazwischen Benjamins Engel der Geschichte traurig nicht flattert. Es ist das, was der selbstgemachte Scherz dreifaltig erzählt, nämlich das Elend des Gesprächs, von Missverständnis zu Missverständnis wahrer geworden, bis in der Pointe des Fakes, der praktischen Lösung am Markt, die genauso gut echt sein könnte, kein Trost mehr bleibt. Das wäre eine gute Erzählung, wenn es nicht eine noch bessere wäre: Man findet es lustig und trägt es weiter. Das Missverstehen ist im wirklichen Leben fruchtbar angekommen. Und weil ich das missbrauchen konnte, habe ich mich als Schüler daran getröstet, als ich für Aufsätze die besten Noten bekam und dazu den roten Vermerk: "Nicht entzifferbar." Das fiel mir ein, als ich hörte, wie wieder lebendig werden soll, was ein Freund eines Bekannten diesem berichtete habe, die Geschichte, in der ich einmal gewesen bin. Die ging so:

Ich oder ein anderer wohnte in einem großen Haus mit vielen freundlichen Anhängern einer bunten Sekte, die in der Waschmaschinengemeinschaft auch meine Wäsche färbten. Dagegen stand schwarz und weiß der Ort der Vernunft, nicht die Berliner Abendblätter, aber immerhin ein Buchladen. Dort machten der Händler und ich uns einen Scherz: Wir fragten die Kunden, ob es stimme, dass die Gläubigen sich nach einem Wort ihres Gurus den Kopf scheren müssten. Als Gerücht war das eine schlechte Lüge, Glatzen passte nicht zu diesem Völkchen. Doch noch ehe ich nach Hause kam, wurde mir erregt davon erzählt; manche fanden es wirklich schlimm - die Bunten aber blieben heiter, setzten sich darüber hinweg und griffen zur Schere. Da schritt ich ein und stellte klar und hätte mir beinahe Prügel eingefangen. Noch glaube ich nicht, dass das nun filmreif ist.

 

» Teil 1: Fiktion
» Teil 3: Maschinenschreiben

 


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