die.hor.de

Notizen

El Friede

Wer soll das alles lesen? Weil die Kritik, so der Wille der Dichterin, auch nicht daraus zitieren darf, kennen jetzt viele Neid nur vom Hörensagen.
Claus Philipp/Standard.at: Von nichts kommt nichts

Dass man aus ihrem Buch zitiert, hat sich die gestrenge Nobelpreisträgerin verbeten, und das soll's damit auch schon fast gewesen sein.
Paul Jandl/NZZ: Ich bin raus!

Wirklich findet sich auf Jelineks Website dieses Verbot: Sämtliche hier wiedergegebenen Texte sind urheberrechtlich geschützt und dürfen ohne ausdrückliche Erlaubnis in keiner Form wiedergegeben oder zitiert werden. Es ist aber keins. Das Zitat ist eine der Schranken des Urheberrechts. § 46 regelt das in Österreich: Zulässig sind die Vervielfältigung und die Verbreitung ... wenn einzelne Stellen eines veröffentlichten Sprachwerkes angeführt werden ... zur Erläuterung des Inhaltes. Gemeint ist vielleicht etwas anderes: das Feuilleton will sich ausgeschlossen fühlen. Nur so kann es die Nur-Internetpublikation einer Nobelpreisträgerin verstehen.

Es scheint, dass die beiden Bedingungen literarischen Wertes, Preisträgerschaft und Buchdruck, nur gemeinsam hinreichen. Im Falle des Nobelpreises, der durch die Höhe des Preisgeldes, nicht durch seine Geschichte, jedem Zweifel olympisch entrückt ist, führt das zu Bauchschmerzen des Redakteurs. Sollte er all die Jahre geirrt haben, als er sicher wusste, dass Literatur nur innerhalb der Spielregeln eines geförderten Buchmarktes existieren kann? Sicher nicht. Sie hat aufgegeben. Sie hat's aufgegeben. Ja, sie schreibt weiter. Aber wer liest das schon noch, faselt der Standard und die NZZ formuliert gar: Der Abschied der österreichischen Schriftstellerin vom gedruckten Buch ist ein melancholischer. Ein "Privatroman" für sich. Neid ist nicht angebracht. Frau Jelinek ist quasi gestorben.

Obwohl der Privatroman im Internet nicht gedruckt erscheinen soll, heißt er in der NZZ hartnäckig Buch: Die beinahe pornografische Entblössung des eigenen Ich treibt ein Buch voran, das den "Neid" des Titels pro domo nimmt. Nun ja, es stehen Kapitel und Seiten da. Die FAZ hingegen scheint gelassener. Dort erwähnte Hubert Spiegel, fast sechshunderttausend Besuche der Seite elfriedejelinek.com in zwölf Jahren. Das sind zwar erstaunlich wenig, aber weit mehr als das gedruckte Buch erreichen würde. Andererseits meinte Spiegel auch, durch ansatzweise Offenheit, unterbliebenen Druck und fehlendes Lektorat würde die Aushöhlung des klassischen Werkbegriffs, die in Elfriede Jelineks Schaffen immer schon angelegt war, im Netz auf die Spitze getrieben. Und: So ist ein Werk entstanden, das die Mittel des Blogs benutzt, um nahezu sämtliche Fesseln des Romans abzustreifen. Was auch nicht trifft, obwohl der Text voller Blogger steckt (diese armen Blogger, denen gehört mein ganzes Herz), denn einem Blog ähnelt der Privatroman so wenig, wie er Fesselns abstreift, abseits von Äußerlichkeiten, die nicht schon vor hundert Jahren abgestreift worden wären, und von persönlichen. Und der klassische Werkbegriff ist zudem längst in den modernen Warenbegriff transformiert.

So hagelt es Kritik, obwohl die Kritik sich nicht sicher ist, ob ein Onlinewerk kritikfähig ist, bzw. sein darf, denn dieser Muse Brot isst man (noch) nicht: Im Prinzip äußert sich darin nichts als das Desinteresse am und die Missachtung des Lesers. Kilobyte um Kilobyte kotzt der Dichter ins weltweite Gewebe. Und nach ihm die Blattflut. Soll der Leser sich doch seine Kartuschen leer und seine Drucker kaputt drucken. Soll der sich doch seine Augen am Bildschirm ruinieren. Soll der doch in Blättern ertrinken, schreibt Elmar Krekeler in einem Editorial der Welt. 'Selbst gedruckt' ist auch ein Buch? Das kann nicht sein, der Verleger, der anständige Kaufherr macht die echte Kunst allein. (Stimmt's, Frau Springer?) Darum ist "Neid" ... eine Geschichte, die keine Geschichte erzählt: eine 936 Seiten lange wie langweilige Suada über alles und nichts, ohne Konzept, Ordnung und Sinn. (Focus) Schlimmer noch, so der Mannheimer Morgen: Es gibt keine Beschreibung des Inhalts, keinen Klappentext. Der Leser wird in das Prosameer hineingesogen und muss orientierungslos untertauchen. Was der Preis dem Autor, ist dem Roman der Klappentext? Anderseits wird man hineingesogen - wie das, bei all der Langeweile?

Elmar Krekeler hat eine Erklärung für die Katastrophe: Da sie es nach dem Nobelpreis nicht mehr nötig hat, Bücher zu verkaufen... So muss das wohl sein. Den braven Autor halten die Sachzwänge (Was gibt es Wichtigeres als meine Karriere?) bei der Stange, aber Geld verdirbt den Charakter, es sei, man wäre damit geboren worden. Der Morgen haut in die gleiche Kerbe: Nach dem Nobelpreis glaubt die Wiener Schriftstellerin wohl, die herkömmliche Hilfe eines Buchverlegerunternehmens - Werbung, Distribution, Vermarktung - nicht mehr nötig zu haben.

Ulrich Weinzierl (der als einziger wirklich auf das Gespann Selbstausdruck und Zitierverbot einging) hat sich, wiederum in der Welt, positiver geäußert: So wird die kapitalistische Massenproduktion reprivatisiert, Druckfabrikware wieder zum Unikat der Manufakturenepoche.

Das, denke ich, trifft den Kern der Sache, nicht des Privatromans, sondern der Zeitungsrezeption. Man ist nicht frei. Wie die Autoren dankergebenst sich verbeugen, jedwede Petition der Gestrigkeit pflichtschuldigst unterzeichnen, so schreibt die Redaktion einem Status Quo in den Arsch, den die Verleger selbst bald ändern werden. Hauptsache jetzt devot. Die Eigner werden das übertrieben finden. Oder geht es um die Deutungshoheit an sich? Die FAZ scheint das zu vermuten und schiebt es dem Text unter: Wo die Sinnstiftung an sich schon als Machtausübung verstanden wird, wo jede Organisation des Textes unter dem Verdacht der hierarchischen Handlung steht, wird Flüchtigkeit als Freiheitsgewinn verbucht... Denn wie eine Geschichte den Erzähler braucht, so braucht das Land den König, der Körper den Kopf, die Kunst...

Die schlichte Wahrheit ist: Elfriede Jelinek hat Leser gewonnen und das Feuilleton verstört.

Sollte sich das dem Preisgeld verdanken, ist es einmal sinnvoll verwendet worden. Und wenn nicht, ist es auch gut. (Ich vermute nämlich, durch die Netz-Aufmerksamkeit steigt der Ladenumsatz der lieferbaren Titel / auf den bühnen ist Jelinek ohnehin präsent). Das gedruckte, gebundene Buch ist eine großartige Sache - aber heute stehen seine selbstberufenen Verteidiger ohne Not für das, wogegen das Buch einst antrat: die Beschränkung von Kunst und Wissen. Jünger Gutenbergs nennen sie sich und Verteidiger der Aufklärung. Tatsächlich wollen sie die Aufklärung einfrieren. Und Gutenberg selbst heißt heute Berners-Lee. (Wie fühlt sich das an, wenn man zu den Schranzen gehört, über die sich die Geschichten, die man liebt, lustig machen?)

Das ist nur der erste Schritt. Die Internetpublikation hebt ja keineswegs das Werk auf. Noch verderben viel Köche den meisten den Brei. Doch in den Wissenschaften sind es inzwischen Teams, die die Ergebnisse bringen. Und in der Literatur wird man sich erinnern, was die schöne Geschichte am Lagerfeuer einst übertraf: das schöne Gespräch. Dieser Blick ist derzeit durch die Erscheinung der Talk Show verstellt, der vielleicht letzten Bastion der Namhaftigkeit. Dass ein Autor selbst, aus sich heraus, etwas zu sagen haben müsse, hat sich in Zeiten akademisch-kulinarischen Gebastels doch wohl bereits erledigt. Oder tritt irgendwo einer mit seinem Herzeleid zum Wettbewerb an? IM Buch. (Handke vielleicht - man weiß, was dann passiert.)

Nb.: Selbstverständlich will sich das Feuilleton nicht ausgeschlossen fühlen, sondern soll: drum heißt es ja Privatroman. Ob der Redakteur das gerne annimmt oder dennoch rezensiert, als lägs im Laden, sei legitim, kann er selbst entscheiden. ~ Aber das Bleibende möchte ich nicht geschaffen haben, also bitte nicht ausdrucken!
a-e-m-gmbh.com/wessely/fanmerk.htm

Über Neid u.a.m. diskutieren kann man, wenn man mag, beim Elfriede Jelinek-Forschungszentrum.
www.univie.ac.at/jelinetz/
Neid zitieren ... musste ich unbedingt: Bloggy, noch einer.

s.a. the Literary Saloon: (Re)assessing Jelinek
complete-review.com/saloon/archive/200806a.htm#ff8

 


©