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Notizen

Dir, mir nicht, mir, dir nicht

Es gibt vermutlich keine zwei Menschen von Geschmack mit übereinstimmendem Geschmack. So empfahl mir ein Freund, dessen ästhetisches Empfinden ich besonders schätze, ein Büchlein, enthaltend einhundert Liebesgedichte, die ihn berührt und nicht mehr losgelassen hätten. Ich las es - erst gespannt, dann gelangweilt, ermüdet auch durch die dort funktionslose Marotte der Kleinschreibung und schließlich entnervt - immerhin ganz aus. Mein Freund ließ sich von meinem Urteil nicht irre machen, lobte wieder, riet, mir die Texte einmal vorlesen zu lassen, anstatt sie selbst zu sprechen, dann würden sie mir ihren Zauber schon entfalten. Er versuchte es, aber es half nichts. Ich habe keine Liebes-, nur Beziehungsgedichte angetroffen, die mich trotz ihrer Lakonie, die ich mag, kaum ansprachen, Banalitäten, die mich wenig verwunderten, sprachlich über psychologische Naivität sich rettend, aber auch voller Wörter, die schon so ausgelutscht sind, und immer wieder der metaphorische Genitiv, der mir zu den Ohren raushängt. Lobend kann ich dem Autor die Rücksichtslosigkeit der Bekenntnisfreude gegen sich selbst anrechnen. Das ist schon was. Nicht das, was ich hören will, aber eben nicht beschönigend, was ich weit weniger mag. Es kann sein, dass ich das Beste überlesen habe. Das, meinte mein Freund, finde sich in den erotischen Stellen, da, wo geschlechtliche Intimität "so unkitschig" (sein Wort) aufscheine. Aber Erotik erreicht mich nicht mehr, worüber ich froh bin, denn früher stimmte sie mich melancholisch. Das lieferte meinem Freund die Gelegenheit, das Buch erneut zu verteidigen. Als Allergiker könne ich auch die beste Honigzubereitung nicht würdigen. Aber ich glaube, ich hatte genug aufgenommen, um zu wissen, warum es nicht schmeckt. Zum Beispiel fehlte mir Rhythmus. Überhaupt die Kunst.

Wenig später hörte ich ein Lied, das mich in seinen Bann zog. Ich sang es den ganzen Tag und noch heute verwende ich Zeilen daraus, Erfahrungen meines Alltags zu benennen. Es ist bei mir geblieben. Sofort habe ich es meinem Freund vorgesungen. Der ist beruflich im Liedergeschäft tätig - und war fassungslos. Damit könne man eine Disco leeren, den Schlagerfan in die Flucht schlagen und den Operngänger zur Verzweiflung treiben. Zugegeben: Es ist Punk. Ich gab mir Mühe, ihm zu zeigen, was mich ansprach: Ich färbte die Silben, die Morpheme, die Vokale unterschiedlich ein in mehreren Darstellung, damit ihm aufgeht, wie kunstvoll alles verwoben ist. Er bemerkte auch gleich, dass hier kein Text vertont ist, sondern Melodie und Text eine Einheit bilden, spricht man den Text, hat man sie schon. Nur freut ihn so etwas nicht, er verachtet es. Auch die Botschaft des Liedchens verwarf er. Ich bemühte Studien und Beispiele, die Literatur und die Psychoanalyse, welche Komplexität hier kondensiert ist - ihm sagte das nichts. Er hatte dazu keine persönliche Aversion. Eher zuckte er die Schultern. Zuletzt belächelte er mich. So sei ich eben, verschroben und musikalisch leicht zufrieden zu stellen, dem Asiatischen zuneigend, vielleicht. Es war zum wahnsinnig werden, ich erreichte ihn nicht. Wie er zuvor mich nicht erreichen konnte mit seiner Begeisterung.

Warum ich das verallgemeinere? Ich tu es nicht. Ich gebe ein Beispiel für eine Erfahrung, die sich wiederholt. Immer wieder. Ich kenne keine überzeugenden Gegenbeispiele. Menschen, die meinen Geschmack teilen, und die Millionen, die gemeinsam schunkeln, vermute ich längst, haben gar keinen. Was nicht heißen soll, dass sie sich nicht in eine Stimmung versetzen lassen, dass ihnen nichts anklingt oder sie erinnert - sondern im Gegenteil, dass ihnen genau das geschieht.

In meiner Jugend besuchte ich ein Rockkonzert unter freiem Himmel. Ich wollte nicht, aber Freunde hatten mich dorthin gezerrt. Arg schlecht war es dann nicht. Zu Beginn trat eine mir unbekannte lokale Vorgruppe auf, klimperte ein paar Songs und dann noch ein Stück ohne Text, nur Schlagzeug und zwei Bässe, die dem Schlagzeug folgten. Ein eingängiger, monotoner Rhythmus. Drängender von Minute zu Minute. Das Publikum begann zu stampfen, ließ sich mitreißen, steigert sich hinein, dass es mich gruselte, dass ich ganz einsam wurde - dann war es plötzlich still, atemloses Lauschen, die Sängerin rollte in ihrem Rollstuhl vor, schrie - wie sie schrie! - ins Mikro: "That's Fascism!" Sie habe ich gut verstanden. Nur war das kein Genuss.

 


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