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Notizen

Die Verspätung des Frühlings

I.

Einmal im Jahr
steigt eine Wolke des Gemetzels über die Gletscher,
entsetzt uns, brennt unsere Herzen mit Leid -

Aus der Welt fallen sie heraus, diese Jahre,
rein im Herzen und hungrig, immer hungrig.
Über den Gletschern auf geht der Mond
- lohnt doch keine Sätze, keine...
Wahrscheinlich kommt noch die Rast,
ein Sakrament. Geschichten
der Ferne bilden den süßen Staub -
Und die Sterne lehnen sich unten
an geöffneten Raum: nun da sich die wilden Gänse
nach Süden gedreht haben -
der Ton ihrer Sorge
geht bis zu den Wolken. Jetzt weit weg,
jetzt nahe wieder, entsprechend unserem Herzen.

Den Tag ohne Mantel und Schuh
auf einem der tödlichen Hänge verbringen -
Mehr als ein Lehrer ist der Tod,
ein lebenslänglicher Freund.
Wir sangen nach der Melodie des Windes in den Fichten.
Gletscherpfade, in Richtung der Hoffnung
Lichtmarken, wie Falten in den entfernten Hügeln;
Gesimse, rostfarben, und weiß zur Apfelblüte, und
über der Weide grün -
Höhen und Flüsse aber sind kalt und dort,
am äußeren Rand,
kahl. Oder nur schräg liegendes Tageslicht
durch das blattlose Holz.

Dennoch üben wir den Verstand für uns aus,
unser Leben erbringend. Vögel
sind Stummes, das sang.
In dem endlosen kalten Licht des Schnees
die wilden Gänse,
die fort fliegen,
die Sonne und Winde kennen,
rot und weiß beide:
wir waren der Regen im Frühjahr, zur Blüte des Apfels -
Doch nun,
während wir im Tau erweichen,
höhlt dieser Schmerz des Abschieds,
das Metall der Liebe erstarrt auf den Männern,
die Illusion der Freiheit von tausend Angelegenheiten.

Und der Nacht in den hohen Bäumen
haftet noch Dämmerung an -
niedriger Tag, kein Unterschied zu den anderen -
Tausend Farben, anderes erhöhend. Wo
sind die Passwege?

Kunstblumen und eine einzige Abbildung,
Höhenlinien und Flüsse sind die Stärke unserer Augengitter,
doch es ist alles nur von einem kalten Wind in den Kiefern.
Die Wahrheit fliegt fort wie die weißen Gänse -
In Eisspalten ist vermutlich ein Raum
für die Neigungen der Männer.
Schweiß kreuzt die untere Kante und oben die Gipfel.
Für unseren Jungen und Mädchen,
arme kleine Wickelkinder, das Lied:
Der Wind, der ist tausend Kilometer gekommen.
Ach. Jedoch, die,
die Jahre des Bestehens getragen haben
gingen voran,
nahe unserer Stadtmauer unter tausend Fußzinken.

* * *

Ein Jahr später gibt es dann wieder Blumen
wie Linien des Wassers auf unseren Gesichtern,
Geschichten, frei im Flug über den verbliebenen Brücken,
Geschichten. An der Dämmerung,
nah einer leckenden Lache. Wir
könnten das Moos reinigen, auslesen den Mulm, wieder -
Hier sind Vögel im Gebirgslicht lebendig,
Überfelder, wo Graswurzeln um weiße Knochen ziehen;
dann springt der widrige Ton zu einer freieren Melodie:
wir ertrinken,
Elende,
vor tausend Erzeugungen.

Das Stillstehen auf dem Fels bis die Wege zurück gehen,
ruhig, über unsere Klugheit hinaus,
das Neue formen zum Alten -
Fachen, das Holz ist schwarzes
Fachen. Und ein Wind
greift die Gräser an. Neue Geister jammern mit den Alten.
Wir träumen vom Betreten der Ozeane
um nie zurückzukehren. Keiner -
aber diese eine Pupille trägt den Glanz des Auswegs.

Das Steinwasser hat allen Tag laufen lassen,
sein Baum ist die Liebe jetzt,
geehrt durch die Leute.

War es nur eine Feder gegen einen lodernden Himmel
oder eine Karte,
ein Fingerzeig, wie man sie findet.
Die Schwärzung sammelt ihre endlosen Wolken an -
nichts, als sich bis zur Morgenglocke zu fürchten.

Ein Wind in den Blättern entlang beider Höhenlinien:
jeder könnte Tausend gegenüberstellen,
mit tausend Düften berühren die Himmel die Bäume,
öffnen ihre ersten kalten Blüten,
kommt jetzt die Sonne aus dem Nebel heraus.
Ein goldener Stier ist der Hüter der Talwege -
das wollten wir so.

Laut, laut, ein Schreien ist der Sonnenaufgang,
jeder Sonnenaufgang,
ein Getöse, das
wir hören hier oben.

Nach oben, über den Wasserfall,
gehen wir, Wörter vergessend,
wo eine plötzliche Brise
auf die Gischt peitscht,
unheilvoll, schauend über tausend Herbsten,
ein neuer Frühling. Von der weißen Wolke
und von der roten Wolke, die vom Meer träumt.

Tausend Jahre unter Bergen und über Wäldern
kreisen längs eines kleinen Wegs -
Vögel
fliegen über unseren Anblick hinaus.
Nur die großen Trinker sind zu aller Zeit berühmt:
gurgelnde Schädel fielen zu Boden, keiner holte sie ab.
Außenseiter, die nur verlässliche Berge
und mondene Wolken ansehen:
kein Traum fliegt über den Grat.

Durch die Fichten kommen der Mond und der Schauer
des Abends:
diese lebenslange Mühe der Wimpern. Efeu
entlang des Talwegs
wird mit schrägem Regen gejagt.

* * *

Auf welchen Künstlern und Handwerkern
ruht noch der erste Auftrag?
Unser Weizen versteht es allein
sich heilig zu sprechen.
 

II.

Der Horizont ist zum Spielraum wieder geöffnet,
die Grenzen der Felskämme frosten die Gesichter:
was hier gehört werden soll,
Morgen und Abend: nie wurde es gehört
ohne Mutwillen und Brüllen.

Einer, eine Flöte spielend, etwa
wo sich frühes Tageslicht zeigt -
doch lässig übersteigt der Himmel
das geachtete Laternenaufflackern:
Fülle und Ruhm wie Wolken vorbei - wie anders,
wo jeder Ton einem gehört.

Dann vernehmen wir aus den Knoten
einer verzauberten Insel am Meer
oder aus den Faltschachteln
angeblicher Wege
für den Augenblick einer Münze
Eltern kommender Vögel, die fliegen davon.
Für sie ist dies die hellere Flamme der Liebe,
für die Eigner der Töne nur Asche.

Das Lassen des Herbstes zwischen
Frühling ... um Frühling. Unter dauerndem Felsgestein
zerstören wir unsere Lieder,
wo die Reime der Dichterin,
als unser Glaube über den Stadtwall hinaus
verschwunden war, noch hallten...

* * *

Morgen tritt die Braut mutig
ihren Eltern gegenüber. Es wird Früchte geben
und Korn; und ich
wie Tageslicht einen Wald betretend,
wo, wer ein Herzkranker ist,
über dem Sehen sieht. Heute aber schläft sie.

Nachts fährt wohl zu einem Meer die Sonne -
uns waren die Pässe und die Enge des Weges wüst.
Wann werden wir ihre Stimme hören.
Alle Nacht im Regen.

Wenn wir mit den Abendvögeln zurück nach Hause gehen.

Der Geist möge den Frost über die Gipfel hinaus werfen,
die großen Zeichenketten summen schon wie der Regen
zur Musik langsam, dann schnell, einer Hand folgend,
Wolken über den Klippen, die untätig
eine nach der anderen kommen.

Ein Erröten der Wolke: morgens die Sonne. Warum,
wenn eine so erhaben wie der Mond
oder die Wolke wäre?
Das Haus, darin die Dame des Frühjahrs geboren,
umgeben freche grüne Berge
und frühes grünes Wasser.

Dauer zu finden ist das einzige Glück.
Schnee und Frost werden die kalte
einkreisende Nacht bekleiden, weiß.
Noch werden wir wie ungefähr gesäumt
und mit Namen gehemmt. Bis zum Himmel
über den Vielen, überall schauend.
Erfahren: dass kein Staub unsere Liebe versiegeln könnte.

Vögel finden ihre Lieder,
Beamte ihre Siegel und Zölle für das noch ungebaute Haus,
Banditen wagen sich eventuell
hinab in die verschmähten Täler -
doch viele träumen, dass sie im Wind
ja schwimmen könnten, hinauf...

Vom Hagel könnten wir lernen
wie einer dem anderen vertraut,
von unserer Jugend vor den tausend Jahren -
vor solcher Aussicht fangen wir gelassen
mit dem Genießen an. Im quadratischen Lager.
Nichts aber erklären die Risse eines befleckten Kleids.

Weit weg noch, eingefasst von den Liedern -
zu jedem Glas gehört ein neuer Umlauf der Musik...
Trinkt, wie wir, alle Nacht lang,
Tag und Nacht lang,
trinkt die Bäche und trinkt den See -
darauf wird sie schreiten.

Denkt gar nicht erst
an ihren zarten Fuß.

* * *

Wie dieser grüne Horizont über die höheren Halme scheint!
Bei Sonnenaufgang und jeden Frühling
senden wir Kundige, die Höfe der Täler zu sichern.
Was kümmert es uns, das keiner zurück kehrt?
Sie wird kommen -
in einer blauen Linie entlang dem Ost der Berge:
würde nur ein Herz
sich im Auftrag der stillen Wacht verlieren!
Wer versteht diese Unterschiede - im Süden
gehen die wilden Gänse, von den Blättern aber
wissen wir:
sie fallen im Herbst.
 

III.

Die Gespinste eines Mädchens,
fern von ihren Eltern. Unterwegs.
Und Wege und Weiden werden mit Regen überschwemmt.
Einsame Dohlen haben ihr Leid gesungen
auf einer Straße, die die weißen Wolken übertrifft.
Der kalte Mond
glitzert noch auf der Spitze des Schnees.
Kommt Sorge mit dem östlichen Aufwind?

Wie die Begeisterung die ganze Nacht lang dauert -
befohlen, um den Staub
entlang der Höhenlinien zu sammeln:
dann leuchten die Fichtennadeln
wie frisch gebadet.
Aber der Bach bleibt kalt und der Wind
wie eine Klinge.
Insektensummen des Herbstes
am Silberrand des Brunnens. Die helle Gebirgsspitze
Verdunkelt sich als wäre nicht Mai.

Das halten die Kinder fest
in ihren Gesichtern;
jeder Herbstwind addiert die gefallenen Blätter.
Wenn die Hoffnung erlischt,
wie das Licht einer Kerze,
wollen viele hören. Doch hören sie nicht:
stumm bleibt der blasende Himmel. Sie sehen.
Welche Kraft soll da ein Künstler haben zu singen;
soll er fischen -
nicht im Tal, doch in irgendeiner Herbstlache.

Wir scherzten vor langer Zeit, ungefähr einer
von uns müsse sterben...
Wolken verdunkeln sich mit der Schwärze des Regens
über den leuchtende Zinnen.

Jeder eine Blume, gepflückt von den Wolken,
Leben und Träume für tausend Jahre,
aber die Leute leben mit Tränen im Auge.
Die Wildnis wird derweil
mit spätem Fliegenschnee beschattet,
ein Puder,
und die Farben der Gebilde verheißen nichts,
nichts, wenn wir nicht sähen,
was wir schon wissen so lange Zeit,
dass es Herbst wird.

Von diesem Alltag träumen wir alle Jahr,
Bilder neben dem unermüdlichen Wörterfall,
still vor dem Nebel
des späteren Alters.

* * *

Wenn ihr Name zum ersten Mal
in einer Liste notiert wird,
dem Verzeichnis der Musikanten vielleicht, -
eine Wasserlinie wird für immer geworfen:
wir werden uns einen traurigen Abschied bieten!
Allein ihr Gesicht,
ihr sonniges Schwimmen in der Luft, lässt uns zagen;
die Furcht, auf einem rauen, hohen Pfad zu stürzen.
Mit einer blanken Waffe könnte sie die Menge halten;
zu plötzlich, zu traurig kommt jede Änderung.
Plötzliche schneidende Kanten am haltgewohnten Felsen,
Linien und Flächen, Linien und Flächen.

Über den glucksenden Sümpfen der Täler
fliegt das Lied schon wie ein weißer Geier -
eine solch lange Reise zu riskieren!

Noch bleiben wir zurück, am Herzen krank,
vor ihr nur Fußabdrücke lassend,
weil wir ja einen Platz benötigen, die Nacht zu verbringen.
Brave Kaninchen sterben nebeneinander.

Für Herzen haben wir vier Plätze.
Ganz krank mit ihrem Wunsch. Silberne Grate.
Auch der Atem der Windpfeifen,
westlich von den schallenden Sonnenaufgängen,
und die Apfelbäume auf beiden Seiten
leiten zu einer Quelle,
weiter und weit hinunter den braunen Berg -
und die Sonne, in der wir allen Ruhm kennen,
keine Geschichte darin,
aber der helle Mond und das kalte Wasser...

Wir werden noch wachsen,
den Straßenlinien entlang,
wie wir die Alten verfolgen auf dem Papier.

Wie müssen wir gehen,
diese versteckte Quelle zu finden?

Mit, mit müssen wir gehen:
spät in der Nacht, in den kurzen Abständen des Traums

Es ist ein mit Silber beladener Zug,
mit rhythmischen Rädern
unterwegs für viele Jahre.
Suchen war nie Finden.

Und ohne Früchte,
obgleich der Herbst schon oft gekommen ist.
Es hat fast keine Bittschriften gegeben.

Wenn der Tod eine Aufgabe wird,
die sich bewährt (um an späteren Ruhm zu denken):
jede Münze wird ein geöffneter Schirm.

Der schnelle Wind unterhalb unserer Hörfähigkeit.
Das Laub des Frühjahrs schützt die Täler vor dem Regen.
Mit dem Morgenstern auf seiner Höhe.
Und den Wanderlaternen. Die Sterne
sind untergegangen.
Das Gebirgslicht fällt wirklich von Westen her aus?
So scheint es nur für die Toten zu sein,
grauer Sand und graue Steine
Raspelten die Gesichter ab.
 

IV.

Und ein Tritt auf die Blätter schließt eine Tür.

Dies, wie es immer mit menschlicher Freude ist -
doch unter dem Schritt wird ein Garten blühen
und das Auge mit Schönheit verzaubern.
Das Wasser und der Mond sind so ruhig wie ihr Fuß.
Diese Gefahr scheint uns alle Gefahr,
das Hinaufgehen eines Mädchens, ein Flug, eine Treppe.

Ach, würde sie
am Fuß des westlichen Berges stillstehen,
junge Frauen träumen oft einen Traum vom Frühling...

Ein Schlag öffnet die Blüten von tausend Gräsern.
Sie beginnt mit der Eroberung der Täler.
In einem großen Angriff mit Haarfahnen und Liedern.
Als schwirrten alle Nächte um die Mauern der Stadt.
Endlich werden wir wach,
suchen nach den Erhabenen um einen neuen Herztakt.

Jedes Jahr
begruben wir in den nummernlosen Schluchten
die Knochen;
kletternd, schien uns, hatten wir
die Welt hinter uns gelassen,
während die Stadt in der Höhe kälter und kälter wuchs.

Außer dem Haar auf unseren Körpern
wird jetzt mit Grau getönt:
Papier, Papier, altes Holz.
Ohne eine menschliche Fügung
was darin war, ist dieser Winter gegangen.

Eine Bewegung des Schnees auf unseren Höhen -
mit blumigen Schwingen ein Rutschen
über dem silbernen Rieseln -
was kommt da herab?

Wir haben geweint und die Wörter gesprochen,
unsere Wörter, die wir kennen.

Ihr bewölktes Haar mit dem steigenden Nebel
ist uns fremd,
ihr Gesicht, schimmernd mit dem hellen Frühlingstau.
Als der Mondschein ihr Antlitz verließ
Schlug schon die erste Stunde.

Wo die Luft wärmer wächst, tief
am fruchtbaren Acker,
das ist der Tag,
der Tag, der gerade beginnt, sich nach Osten zu wenden.
Schnell frieren wir die Muster der Münzen,
sehen nicht hinunter den grünenden Hang.

Trotz der frischen Farben der Fenster und der Türen:
der goldenen Sonnenschein wird ihr Kleid färben. -
Da stehen die Alten und reden vom Meer,
Raben scharen sich und singen.
Wenn der Wind warm ist,
vor den Gerüchen der Fremden,
drängeln sich die Leute zusammen:
noch hängen die Nebel nass
auf den wohlriechenden Wiesen,
aber ihr Schritt wird das Zeitmaß des Windes sein.

Herauf von den Tälern in die Gebirgswolken:
Jeder nehme seine Blume!
Wir dachten, sagen die Erhabenen,
es käme ein Boot übern See;
mag sein wegen unserer großen Liebe
oder weil wir so wichtig sind.
Wischt die Stadt von Ende zu Ende mit Schnee!
Wir wollen ein himmlisches Lied singen:
die Sonne über den Bergen,
die Sonne über der See,
wie damals
als wir kamen. Doch
singt der Wind nicht mehr mit.

Nun hieße es hören und uns an tausend Rufe wenden,
als wäre nicht nur noch ihr Schritt -
und wir sängen, wir hörten, wenn nicht plötzlich
der Schnee ihr entgegen führe
von der höchsten Felsspitze,
kaum eine Hand unterhalb des Himmels.
Die Schönheit ihrer Gräser
mit dem frischen Regen,
die rutschenden, rieselnden Massen flüstern
wie ein Geheimnis. Ihr Atem
ist wie der blaue Himmel ausgedehnt.
Zu spät lernten wir wieder, was Sorge bedeutet:
der Westwind ist erwacht und tausend
Blumen werden mit ihm ziehen

* * *

Belagert auf der halben Höhe, wo wir so lange waren...
Noch haben wir Hoffnung
auf weitere Dauer, verzweifelt
gegen die schrumpfenden Schatten des Tages.
Sollt es nicht Nacht sein?
Licht ist in unserer Stadt in den Höhlen,
draußen wird alles weiß,
mit Donnern von oben,
während von unten ein silbernes Nass steigt:

Noch einmal werden die Männer zu Vögeln,
singen und die Frauen drehen sich glatt.

Schließt eilends die Tore, verrammelt die Türen,
klemmt die Fenster zu!
Die weißen Massen.
Winde und Wolken rufen wir,
unsere Stadt abzuschirmen. Vergeblich -
die Herzen wissen es schon,
dass wir keine Sprache mehr haben.

Oben deckt zwar der Schnee, doch unten,
zwischen den Gräsern sind schon Ruinen
und die blanken Knochen zu sehn.
Ein Tag für das Chaos der Welt.
Die Dämmerung ist mit den Apfelbäumen weiß
und alle Worte fliegen zu ihr.

Wir nannten den Frühling Herbst,
wie wir es mit allen Dingen hielten,
grau färbten wir sein grünes Gewand,
wir hatten zu sagen.
Die Melancholie verlorener Generationen,
nun gleichzeitig. Teile der Wolken und der Berge,
mit den Kostümen der Wasserfälle -
könnte der Frost bereits gewesen sein,
ist nicht seit gestern der Grashang voll
tausend funkelnder Bächlein?

Nirgends aber der große Fluss,
der zum Meer führt;
die Schneestangen halten nicht mehr,
Destillate der Sonne genug. Warum
hier nicht bleiben und unsere Tage verlängern?

Die lange Straße voraus
ist von der neuen Helle voll. Und graue Wolken
beneiden einen trällernden Vogel.
Wir wollen den ersten Anruf des Herbstes
von einer wilden Gans am Himmel,
das wäre genug
Doch nichts als Licht auf den taubeladenen Fichten,
ein letzter Gruß. Wir werden
zum entfernten Gedanken erhoben. Morgen
trennen die Berge uns.

* * *

Wo keine Wörter sind, ist kein Gespräch
im Gebirge. Das Murmeln der Wasser
spricht vielleicht zu den Mücken,
zu den Gämsen, vielleicht zu ihr. Doch nicht zu uns.
In unseren Träumen war der Mond heller,
noch heute ein Zeichen der Liebe unter den Menschen.

Der Tod wird durch Besseres als Fülle gebildet,
der Sand ist glatt, das Wasser klar,
kein Ton und kein Schatten.
Wir fürchten dieses hellen Lichtes auf unserem Schirm.
Ob ihre Stirn, ihre Wangen
in dieser Weise gemalt wurden?

Die Unbelehrten fliegen bereits
als gäbe es einen anderen Weg über die Gipfel.
Nicht einmal eine Wolke am Himmel des Ganzen.
Dann unerwartet steigend, um zu gehen -
kannten sie nicht die Signale der gefährlichen Düfte?

Herbst nach dem Winter, Herbst nach dem Sommer
Herbst nach dem Frühling. So
endeten die Tage wenig plötzlich.
Insekten kauern vor der Kälte noch im Gras.
Diese Wolke,
die alle Tage durch den Himmel streichen wird.
Immer schienen uns die Wege zu lang und nun
werden die Flächen nicht reichen,
die Waffen abzulegen -
die ersten liegen bereits zwischen Wiese und Schnee,
das einzige Zeichen der Kämpfer,
erste Sätze, jede Gewehrreihe ein Gedanke,
ein Gedicht der Besinnung.

Der Flüchtenden Weg voran
wächst dunklere, wärmere Stille. Wasser
in diesen östlichen Wiesen blitzt auf
in tausend langen Brücken
Was wollen wir sehen? Wir halten die Fenster geschlossen,
wir trotzen,
wir nehmen unseren Schnaps.
Das Fürchten verzögert, das uns spät im Haus hält,
das bittere Licht einer einzelnen Lampe
Wermut.
 

V.

Steinbock, Murmeltier und Geier. Außerhalb
sind die Abzeichen, gewidmet Zuständen...
Zeigt ihr einen stolzen Vogel auf seinem Horst!
Die alten Mauern füllen die Hirne mit Herbstwünschen,
nach den Schritten schauen wir nicht,
hängen kopfunter am Lawinengedröhn -
Sonnenuntergängen haftet die alte Verteidigung an.
Niemand wusste von ihrem Grünen,
niemand von ihrem Trost...
Würde es schlechter sein als Lawinen allein?

Himmel und Gräser wogen und folgen
ihren Bewegungen.
Sobald sie zu gehen begann
gab es keinen anderen Ton.
Vermutlich an ihrer Seite ein armer Gefährte,
hoffend auf einen Wegelohn.

Eher nicht. Aus den Talgehölzen
lügen die Kuckucke:
wie der Sonnenstrahl einen Zweig
durch die Gitter der anderen erreicht -
wenn doch die Träume uns Wörter gäben
wie uns der Wasserfall begießt
in unserer Einsamkeit ... -
zurück, wenn überhaupt, von diesem Berg,
hinter einem anderen Berg,
wir würden den Kerzen unserer Schwermut
glauben.

Sie aber kommt mit dem Wind,
streichelt die Gräser,
die ihr durch den Morgensturm zujubeln.

Weiße Wetter fliegen für den Verstand,
fliegen für unsere Lieder,
und fliegen bis alle Erhabenen geehrt wurden.
Wer ist geschützt
durch den Geist vor seiner Ermordung?
Streben Gebete zum Himmel oder zum gelblichen Mond?

Hier eine Stadt mit tausend Geschichten
einsam unter dem Mond. Noch einsamer unter der Sonne,
wo die Farbe der Berge das Grau ist...

Vor den ächzenden Balken ein erstes Mal
nennen wir Zahlen zwischen Werden und Todesjahr,
nicht nach den Steinen der Straße.
Kam nicht vom Tal einst das Bauholz,
war es nicht haltbarer?
Ein Nebel kommt nun von dort,
der steigt, weich und schwebend,
und der Eckstein für die heiligen Hallen im Fels -
...
ist es der Schnee der nun Fichtennadeln hindurchreibt,
knirschend, und wir
lassen sie noch einmal durch die Finger rieseln...

Sie hat den Segen ihrer Eltern nicht. Sie kam,
sie wartete bis Sonnenuntergang,
wartet bis Sonnenaufgang. Und das war sie.
Und ging.
Sie kommt. Für einen letzten Blick
auf die tausend grauen Klippen.
Ein grünes Wasserspiel blendet ihre Augen.
Ihr Gesicht. Der hohe Schnee. Der Atem der Krüppelkiefern
bereits hinter ihr.
 

VI.

Farben des Herbstes, aus dem Frühling heraus.
Die tiefere Bedeutung, die schwierigeren Sätze:
was könnte sie uns Geistigen geben?
Vier heilige Berge haben wir
und tausend heiligere Regierungen.
Wir schreien, sagen wir nichts.

Dies waren die Dinge,
die in uns das Leben glücklich machten;
Mondschein über uns und unter uns
die Waldungen der Fichten,
unsere Zeichen -
durchaus auch auf den Brautkleidern der Mädchen -,
unser Lassen des einzelnen Einklangs,
unten, im Tal, in den Schluchten,
woher der Nebel steigt
nach einer Nacht des Gebirgsregens.
Da haben wir unsere Toten bestattet.

Nach oben nur öffnet sich der Raum
für Träume und Blitze:
allein mit ihrer Schönheit
wird sie uns nicht gewinnen.
Für das Grün,
für das Ausleuchten des Dunkels,
das Gewächs,
wenn es Mittag wird und wir
mit Schüsseln in unseren Händen sprechen...
Was soll da der niedrige Ton einer Morgenglocke?

Kommen da nicht Urmenschen
mit Hacken auf ihren Schultern zurück?
Frühvögel solche großtuenden Flieger -

diese Spur kann nicht bezeugt werden.
Mit ihren grellen Spiegeln
und mit ihren scharfen Speeren
greift die Sonne an.
Da ist kein Halten mehr im Schneegebirge,
tausend Meter tief im Felsen hört man das
Brüllen. Und leiser noch ein Tropfen.

Der Schlag der Schönheit. Wer besteht?
Wir fragen - doch kein geliebter Geist
besuchte unsre Träume.
Verspätete kommen nach Hause. Unsterbliche,
die hin und her ziehen.
Heute bringen sie keinen Kranz
für die Erhabenen,
dunkeln das Blau des Himmels:
Reisen ist härter geworden. Es ist Herbst,
sagen sie.

Grüne Fluten ertränken den Adel der Welt.
Übermütig, hinauf, als ob sich ein Feiertag nähert,
und die Gräser sind nach dem Regen hell.
Die Bedeutenden stehen nebeneinander.
Noch tönen Trommeln aus dem Westen,
dort sei alles ruhig. Schon stehen sie nebeneinander.

Verantwortlichkeiten sind nicht unsere Art.
Berge bedecken die weiße Sonne.
Der flüchtige Blick, der flache Atem
und Stille, als sei es vorbei.

Die Sonne wächst jetzt schwach und sinkt in die Dämmerung.
Der Sonnenuntergang bleibt an den Klippen zurück,
dahinter das Meer bleibt.

* * *

Gerettet!
Sie kam nicht. Sie kommt nicht. Sie schläft.
Hört wie die Schneelast zurückfriert!
Sie verschwindet in einer Umdrehung des Durchlaufs.
Die Nacht kam,
der Herbst wird kommen. Noch einmal horchen,
lauschen - nichts.
Der Bach war in seiner Quelle rein. Hin und her
getragen, über unseren Willen hinaus,
überfließend. Nun ist es ausgestanden.

Unzählige Täler und Senken und nirgendwo
eine Straße.
Von den Gipfeln kommen tausend der großen Gedanken,
Kühe und Ziegen schleppen sich nach Hause
auf dem alten Weg.
Unkräuter dort entlang sind von den frühen Jahren übrig.
Der Himmel bleibt unsere Nachbarschaft,
der Mond wird wie ein Spiegel gehoben -
vergesst, dass Gipfel und Matten
ihr Aussehen verändern können.

An den tausend Wegen wächst nichts als Unkraut,
die schwachen, hängenden Blätter
eines fremden Baums oder was auch immer,
aber die Felsen, verlässlich zwischen dem Kurzlebigen,
und der Schnee..

* * *

Unter dem siegreichen Himmel werden die Küsse gewürzt,
erklärt rieseln Sterne und Mond in den staunenden Mund,
wo die Kinder brechen, in halber Höhe des Engelsohrs,
wiegen die blauen Wellen die Sonne auf, schreien
unter besungenem Himmel.
 

VII.

Das Gegenstück zu jeder Drohung ist die Feier,
Stein sind die Kristalle der glitzernden Bäche,
ewig das Eis. Und wir,
wieder lebendig zwischen ein Uhr und Mitternacht,
von hier aus reisen wir zurück zu weiteren Plätzen,
zum nächtigen Himmel. Wir, die wir gelernt haben
mit dünnerem Haar zu zeichnen.
Von hier führt eine blaue Leiter
zu den Wolken. Wozu sonst
hätten die Künstler die ungleichen Haltungen kopiert?

Im neuen, alten Mondlicht huscht
ein Vogel übers Schneefeld.
Er weiß nicht wo.
Ihn blendete am Tag die Sonne. Wir lachen jetzt -
vermutlich hat Klugheit ihn erblinden lassen.
Mit seinen kleinen Füßen
weiß er sich zu halten. Jetzt lauscht er:
war da ein Knirschen?
Ein Boot schwimmt vorbei.
Auf dem See unterm Wasserfall
schlägt heraus eine Flamme, wohin eine Mücke fliegt.

* * *

Wenn ein Mädchen sein Brautkleid will,
werden die weißen Fasern versponnen.
Wilde Gänse fliegen morgen nach Süden
und einmal allenfalls über die Unkräuter -
die Gräser bringen ihr Grün
dem Frühling zurück.
Morgen wird sein November.
Weit über die Gipfel weht der Duft der See.

Denn nach Herbst sehnt sich alle Nacht,
sehnen sich Eis und Schnee. Der nächtliche Fischer allein
ahnt vielleicht nichts von seinem großen Glück.
Nacht und wir
üben uns im korrekten Gebrauch unserer Glieder.
Nacht und nichts
überstrahlt den Glanz unserer Münzen. Gehen zur Ruh.

Sie kam und sie kam nicht. Es ist der Zweck
des Frühlings auszufallen.
Mag es stürmen von unten - von oben herab
kommt die Nacht -
den Höhenlinien entlang zurück,
über den Rand
geflogen. Hier
neben einem freien tiefen See.
Wir lachen zusammen, erlöst
von Änderungen,
die nicht gekommen sind.

Der Ostwind rollt die nachtgrauen Gräser zurück
und bricht sie. Wie weit die Welt war,
wie nah die Bäume zum Himmel reichten...
Wir schlafen. Noch einmal. Und ahnen
wenig vom längst beschlossenen
goldenen Schnitt zwischen Sonne und Mond.
Auch sie schläft. Doch morgen
sind es noch tausend Meter. Zu früherer Stunde
wird die Sonne den Nebel verschlingen -
mächtiger ihre Stimme
als der brechende Schnee.

 
[Dahin wollte Wording.]

 


©