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Notizen

Der Besuch

Eines Tages stand der Promi vor der Tür. Er sei, sagte er, zufällig in der Nähe gewesen. Es irritierte ihn, dass ich ihn nicht kannte. Er habe, sagte er, meine Verse gelesen. Sicher wisse ich nicht, dass er Deutsch spreche. Ich habe den Promi dann herein gebeten. Ich machte Tee, er berichtete, welcher Zufall ihn in meine Nähe geführt hatte. Wir wechselten das Zimmer, weil wir rauchen wollten. Er rauche, sagte er, nur mehr privat. Bald stellte er fest, dass ich über wenig Geld verfüge. Das sei bedauerlich. Er habe das aber schon öfter gesehen. Er sah mich an, als erwartete er, dass ich ihn auffordere, Schwänke aus seiner Jugend vorzutragen. Stattdessen fragte ich ihn nach seinem Promiberuf. In welcher Branche er ihn ausübe? Er lachte verlegen und holte die versäumte Vorstellung nach. Er hat mir einen Gedichtband mitgebracht. Die Autorin, sagt er, sei seine Lieblingsdichterin, er habe einmal ihr Foto geküsst. Ach, ist mir das Promiwesen fremd. Er las begeistert vor, mit einer tiefen Stimme, die mir gefiel. Nach dem Tee trank er ein Glas Leitungswasser und lobte den hohen Kalkgehalt. Auch Eisen schmeckte er heraus, wir hätten rostige Leitungen. Der Rest des Gesprächs kreiste um Waschmaschinen, das Bügeln, nötig oder nicht, um Männer und Frauen bei der Hausarbeit und um den Zufall, dass man oft lange suchen und dann aufgeben müsse, um zu finden. Die Augen öffnen und nicht starren. Ein schönes Gespräch. Er bat mich, ihm einen Text, den ich in ein Poetryforum gepostet hatte, abzuschreiben. Ich tat es und er belustigte sich an meiner ungelenken Hand. Und wie ich twittere, fand er ganz albern. Zeit, ihn auf den Weg zu schicken. Im Treppenhaus stinke es, stellte er zum Abschied fest, nach Hyazinthen. Wie er das riechen konnte? Sie sind fort, seit einem Jahr.

 


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