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Notizen

Blümchen

Das Internet ist vorbei und ich bin nicht Millionär geworden. Oder: das Internet ist da. Und ich bin nicht Millionär geworden. Ich war ja ein kluges Kerlchen. Gleich als ich dem Internet zum ersten Mal begegnete, wusste ich, wozu es gut ist: connecting people. Das Internet ersetzt Telefon, Fax und Fernsehen. Es wird billig werden, es wird bunt werden.

Letztlich wurde dann die Telekommunikation um bequemeres Teleshopping bereichert. Btx, Minitel für alle. Eine wirkliche Revolution durch Technik wären Telearbeitsplätze gewesen. Aber die gefallen vorerst weder Arbeitgebern noch Arbeitnehmern. Die einen haben ihre Leute gern im Blick, die andern wüssten ohne die Gegenwart eines Chefs gar nicht zu leben.

Nichts Außergewöhnliches also. Außer: ich wurde verrückt, die Welt spielte verrückt. Plötzlich fanden alle das Internet toll. Wer gestern versprach, morgen Transsilvaniens marktbeherrschender Online-Wäschehändler zu sein, dem gab man alles. Einfach so. Und warum habe ich nichts versprochen? Ich war zu blöd.

Statt von der süßen Zuckerwatte zu nehmen nutzte ich das Internet zum Go-Spielen, vertrödelte meine Zeit. Dann veröffentlichte ich Gedichte im jungen WWW, die jeder, der wollte, auf seinem Computer-Bildschirm lesen konnte. Das wollten dann auch ein paar. Ich veröffentlichte Gedichte anderer Leute, dann Krimis, Kindergeschichten. Alles gratis. Ich arbeitete mehr um mir die anfangs doch recht teueren Publikationen leisten zu können und gab dann meinen Job auf um Zeit für das Internet zu haben.

Es war wie ein Rausch. Für mich vor allem das Web und E-Mail. Das Web schien eine leere Wüste, die nur darauf wartete, bepflanzt und bewässert zu werden, die nach Inhalten schrie. Heute nennt man so was Content.
Also bastelte ich, organisierte, koordinierte und kommunizierte. Heute ist das Web fertig. Millionen von Benutzern stehen hunderttausende komfortable Einkaufsmöglichkeiten zur Verfügung, eine hervorragende Bahnauskunft, Radio und Fernsehen können empfangen werden und Unterhaltung gibt es ohne Grenzen - wie eh und je werbefinanziert.

Auch die Millionäre gibt es mittlerweile, tausende davon. Nur ich bin arm geblieben. Das Geld ist weg, die Zeit ist fort und meine Online-Freunde mahnen mitleidig, ich solle endlich Werbung für meine kleine Literatur-Homepage schalten, sonst gäbs die bald nicht mehr.

Nur dumm? Nein, wirklich verrückt. Ich fing dann an Netzliteratur zu basteln, Literatur extra fürs Internet. Darunter stellten sich die meisten Leute schrill bebilderte Texte, bewegte Buchstaben, chaotisch verknüpfte Bildschirmseiten, vom Computer ersonnene Gedichte oder gar ästhetische Software vor. Vielleicht war mein Wahn darum so zwingend, weil ich denen nicht auf den Leim ging. Das alles hatte ja mit dem Netz, der Verbindung der Menschen, nichts zu tun. So fühlte ich mich richtig toll, als ich meine eigene Netzliteratur machte.

Auf die Idee mich damit lächerlich zu machen kam ich nie. Erst als ich das ausgeklügelte Tonbandsystem eines Telefonpredigers kennen lernte fiel mir die rosa Brille von der Nase. Natürlich haben wir uns auch zu mehreren gegenseitig bestärkt. Im Verein ist Sport schließlich am schönsten, Glaubenskraft pur.

Jetzt endlich begreife ich, dass der Bau fertig ist und die Jungs und Mädels aus dem Baustellenzeltlager nicht für die Kunst am Bau gebraucht werden. Selbst im Keller sind die meisten Schmierereien längst übertüncht oder mit Reklame überklebt.

Heute beginnt die Jagd auf kriminelle Internetnutzer. Das Unterbinden der Urheberrechts- und Markenverletzungen, die Durchsetzung der Hausordnung der Einkaufspassage. Wer jetzt nicht Millionär ist, wird gebeten zu gehen. Oder er bekommt einen Job bei einem der Verlage, Agenturen oder Shopsoftware-Produzenten, die es geschafft haben.

Mir ist, als hätte ich die Goldgräberzeit damit verbracht, Blümchen auf die Schaufeln der Anderen zu malen. Längst ist das Gold geborgen, Parks sind angelegt und Penner, die Blumen auf die Bänke kritzlen wollen, aus alter Gewohnheit, werden noch eine Zeit lang geduldet. Aus alter Gewohnheit.

Bald löst M-Commerce den E-Commerce ab. Fun und Shopping per Handy, wie das im Deutschen so niedlich heißt. Und ob es eine Handy-Ausgabe der Textgalerie geben wird, weiß ich nicht. Wohl eher nicht. Noch aber freue ich mich an ihr. Ein befremdlicher Fleck im Online-Katalog: kein Verkauf, keine Reklame, keine "unübertreffliche Gelegenheit", kein "Machen Sie mehr aus sich!" Nur Geschichten und Gedichte.

Wählen Sie noch heute diese Nummer. Es kostet Sie keinen Pfennig.

 


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