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Notizen

Augen statt Ohren

Das Gedicht ist vorbei. Das Gedicht hat aufgehört. Gleich wird der Dichter ein anderes vortragen. Er liest aus dem Buch. Er blättert. Er hat Karteikärtchen zwischen die Seiten geschoben, den Ort einiger Gedichte markiert. Keiner spricht, keiner bewegt sich, macht Geräusch. Nur er an seinem Pult, dunkles Holz, eine romantische Lampe, ein Wasserglas, das Buch, er blättert. Er legt eine Karteikarte zur Seite. Manche werden die Ungeduld Spannung nennen. Vielleicht. Er hebt den Blick und schaut sein Publikum an. Will er etwas hören? Wir hören nichts. Gleich wird er das Glas nehmen. Nein, ich irre mich, er spricht. Welt, sagt er, das erste Wort des Titels. Es geht weiter.

Während er spricht, klingt das Gedicht im Raum. So lange er spricht. Es klingt nicht über den Raum hinaus. Draußen, vor dem Fenster, brummt der Verkehr. Die Fenster sind verhängt und fest geschlossen. Die dicke Tür, ein Siegel der Verschwiegenheit. Hier drinnen hemmt nichts den Schall. Keine Teppiche. Er flüstert nicht. Laut und genau prallt seine Stimme gegen die Wände. Kein Echo. Nur Nüchternheit. Der Raum funktioniert. Das Publikum funktioniert: es stört nicht, es stellt Aufmerksamkeit dar. Der Dichter funktioniert perfekt. Er hat eine geübte Stimme. Er muss nicht leiser sprechen, um leise Stellen leise erscheinen zu lassen. Vielleicht hat er Schauspielunterricht genommen. Mindestens Stimmbildung.

Das Gedicht prallt nicht auf die Menschen im Raum. Es zieht an ihnen vorbei. Es trifft die Wände und ist dort zuende. Zeile für Zeile. Er lässt Zeit zwischen den Zeilen. Jede neue Zeile erklingt im Leeren. Sie verdängt nicht die vorangegangene, die ist schon fort. Ich stelle mir ein Badezimmer zum Singen vor, das größer wird, so groß, das es keinen Hall mehr gibt. Klein und verloren, ich mit einer nutzlosen Stimme, einer albernen Stimme in der harten Leere weit entfernter Kacheln. Und dann sein Können, sein unaufwändiges Doch-Klingen.

Als er verstummt, fällt mir auf, dass dem Gedicht der verbindende Rhythmus fehlte. Der hätte die Andacht vor dem Zeilenklang gestört. Es schwingt auch nichts nach. Die Blätterpause macht das Gedicht. Jetzt hüstelt einer. Es menschelt kurz. Er blättert um. Es dauert. Wir warten, ich schweife ab.

***

Man sollte ein Poesieamt gründen. Dem wären alle Gedichte zur Beglaubigung einzureichen. Versehen mit einem Stempel kämen sie zurück: Gelesen. Man würde einen Poesieamtsdirektor brauchen, Schuhputzer und Poesieraumvermesser. Man denke nämlich nicht, dass jedes Musikzimmer sich zum Gedichtvortrag eignet.

Das Amt würde ein Jahrbuch herausgeben, darin seine sämtliche Tätigkeit erläutert ist. Wie Gedichte gelesen, Räume vermessen, Direktorenschuhe geputzt und Getränke ausgeschenkt wurden. Man könnte ihm Besucher- und Gedichtzahlen des vergangen Jahres entnehmen, überhaupt alle Leistungsdaten. Jeder Dichter erhielte dort eine Lizenz, groß wie ein Briefmarkenbogen, die er zerschneiden und seinen Gedichten beifügen könnte. Leser wüssten dann, welchen Anteil sie hätten am Gedicht.

Das Amt für Poesie würde die Gedichte auch verbessern. Aus seinen Statistiken rät es den zu erwartenden Gedichteingang. Es könnte ausgleichend wirken, ein Übermaß begrenzen durch verzögerte Beglaubigung, einen Mangel beheben durch Aufforderung und Anreize.

Hätten wir ein Poesieamt, könnten wir ruhig schlafen. Es wachte über die Gedichtpläne der Schulen, hätte ein Auge auf die universitäre Gedichtforschung, könnte Auskunft geben über den Rang einzelner Medaillen. Man müsste um den Direktor schöne Gesichter versammeln, junge Menschen, die für die Dichtung begeistern. Es müsste aber ein Kaminzimmer geben, wo man den Winter am gemütlichen Feuer verbrächte. Und einen Garten, einen Pflaumenbaum und einen Feigenbaum.

Und ein Labor mit Messdienern, Geräten, einem Fuhrpark für das ganze Land. Das ist das Wichtigste: der Außendienst, das Prüfen der Räume. Der Direktor würde sagen, ohne ihn und sein Team, ginge es dem Gedicht schlechter. Es würde von den Aulen und Sälen und Zimmern erstickt, verzerrt, erwürgt. Er würde aber auch über den Druck wachen, dass sich nichts einschleicht. Denn jedes Gedicht, würde er wissen, ist ein Akt für sich. Im Jahrbuch könnte man das nachlesen.

***

Gleich liest er wieder. Aber ich kann mich nicht erinnern. Fetzen allenfalls, Bruchstücke, ein Ton, ein Satz. War es ein Satz? Ich bin mir nicht sicher. Wie hieß das letzte Gedicht? Wie viele hat er gelesen? Wie viele werden kommen? Wird es so weiter gehen - Zeile, Stille, Zeile, Stille, lange Stille, Blättern, Zeile ... Werde ich nicht mehr wissen, was ich gehört habe, wenn ich gehe? Warum - wo ich doch all diese Gedichte vorher schon gelesen habe? Wie war es, werde ich gefragt werden. Ich habe gesessen, ich habe gewartet, ich habe versucht mich zu erinnern.

Und jetzt weiß ich es: der Raum funktioniert nicht. Er frisst die Zeilen auf. Der Dichter funktioniert nicht, er kann es zu gut. Er ist nicht das Gedicht, er interpretiert. Er füttert den Raum. Das Publikum funktioniert nicht, es weiß sein Erleben voraus. Es erwartet nicht ein Gedicht zu hören. Nur ich erwarte das, ich war zu lange nicht mehr da. Ich sollte die Fenster aufreißen. Er müsste gegen den Lärm anbrüllen. Wir, das Publikum, müssten uns anstrengen, zu hören. Er müsste jedes Gedicht dreimal schreien.

Ich stelle mir eine Lesung vor mit keinem Dichter und nur einem Gedicht. Einer nach dem anderen liest es. Dann gehen alle still heim. Das müsste dem Dichter natürlich vergütet werden. Besser wäre, wir würden ein Poesieamt gründen. Ich hätte es sagen sollen. Zu spät. Ich sitze in der U-Bahn und die Ohren sind wieder wie sonst. Ich habe nichts gesagt. Es wollten ja auch so viele sich schnell noch wichtig machen. Und er, der Dichter, hatte das Buch auf seinem Pult, die Lampe und ein Glas Wasser. Aber keinen Stift. Man lieh ihm einen für die Autogramme.

 


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