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Wörterlisten

Wörterlisten-Werbung

Ich gebrauche jetzt die besseren Wörter nicht mehr.   
Ilse Aichinger    

Wörterlisten sind wunderbar. Sie haben wenig Ordnung neben der Beziehung der Wörter, die ich in mir selber stifte. Es kann sie jeder für sich umsortieren, ergänzen, kürzen ... Sie sind frei. Kein Werk, kein Eigentum.

Jeder kann, jeder darf, keinem gehört, niemand wird sich erheben oder blamieren, jeder legt hinein, was er hat, holt heraus, was er kann - oder sie; Wörterlisten sind geschlechtsneutral. Und: man darf es auch lassen.

Zu der Erbauung bringen die Listen Belehrung, ich lerne von den Wörtern, wenn ich sie liste, über den Umgang damit, der mir im Alltag begegnet. Ich stoße auch auf Wörter, die andere verbreiten wollen, entdecke solche, die ich selber verbreiten mag.

Manchmal weiß ich, was in einem Buch steht, wenn ich Glossar und Register lese. Mein Leben gibt es in Listen, mein Inventar, mein Adressbuch, meine Finanzen. Ich stehe in Listen, die andere führen, wer weiß warum. Top-Listen sind Pop. Schwarze Listen sind böse.

Wörter des Jahres
Unwörter des Jahres
aus- und eingewanderte Wörter
bedrohte Wörter
neue Wörter
verbotene Wörter
gebotene Wörter
schönste Wörter
liebste Wörter
Wörter, die uns an etwas erinnern
Namen vielleicht
ein zärtliches Verb

Die Formeln der Listen sind: Sortierungen. Manche klingen, manche sind wie ein Film, manche bringen bloß Wörter.

Damit sie Spaß macht, braucht die Liste einen Rhythmus, im Sprechen, Lesen, der Wortbedeutung. Das merkt man gleich. (Besser wäre: mehrere.) Sonst lässt sich wenig sagen. Es sind keine Förmchen zu füllen außer der einen. Man experimentiert, ein Spiel. Kinder spielen es gern.

Wörter, die mit U beginnen, aus Artikeln die vom Nordpol handeln
alle Wörter, die sich reimen, aus Berichten von der Krise
Wörter nach dem Du in Liebesbriefen
letzte Wörter aus den Reden zum neuen Jahr
Wörter, die der Duden tilgte
Wörter, die mir Google findet, wenn ich will
helle Wörter, die nach Pilzen riechen
Wörter, die Herr Eckermann vermied
Wörter, die heut etwas von mir wollten
die wichtigsten Wörter aus dem Roman, den ich nicht schreiben kann

Eine lange Wörterliste ist für jeden anders, für viele langweilig. Ein Wörterbuch. Lange Listen zeige ich lieber (fast) nicht. Aber sie sind das Beste. Das Versammeln. Immer wieder die Wörter sprechen, passende suchen, finden, die Liste durchdenken, ausprobieren, das macht glücklich, verändert meine Welt nachhaltig. Und alle Welt ist voller Wörter. Ich schreibe sie auf.

Wörterlister -
Ich kann das als schönes und billiges Hobby empfehlen,
solange noch Wörter gratis zu haben sind.

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Übrigens. Ein Zitat:

"Ein Dichter hat nicht die Aufgabe, den dichterischen Zustand zu empfinden: dies ist eine Privatangelegenheit. Er hat die Aufgabe, ihn bei anderen zu schaffen. Man erkennt den Dichter - oder mindestens erkennt jeder den seinigen - an der einfachen Tatsache, dass er den Leser in einen 'Inspirierten' verwandelt.
Die Inspiration ist, nüchtern gesagt, eine liebenswürdige Zuschreibung, die der Leser seinem Dichter macht: der Leser überschreibt uns die transzendenten Verdienste der Gewalten und der Begnadung, die sich in ihm entwickeln. Er sucht und findet in uns die Ursache seiner eigenen Verwunderung.
Aber der natürliche Poesie-Effekt und die synthetische Herstellung dieser Wirkung durch irgendein Werk sind ganz verschiedene Dinge; ebenso verschieden wie eine Empfindung und eine Handlung."

Paul Valery, Dichtkunst und abstraktes Denken

Mit Dichtung haben Wörterlisten nichts zu tun.

 


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