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Ist Ruh,
Spürest du
Kaum einen Hauch,
Ruhest du auch.

Was fehlt? Die Gipfel und die Wipfel, die Gegend, bergig, bewaldet, die nicht weiter wichtig ist, die schweigenden Vögelein, somit die Tageszeit, der späte Abend (in der lauten Stadt singen Vögel nachts, auf dem Land nicht), die genauere Ortsangabe, "im Walde", die zeigt, dass der Sprecher unterwegs ist, die ebenfalls stört, will man sich das Gedicht z.B. zuhause aneignen, und die Sehnsucht das müden Wanderers: "balde." Abend ist dem Menschen alle Tage, aber metaphorisch auch nur einmal, der Lebensabend, dem eine Ruhe folgt, in der kein Spüren mehr ist. In der gekürzten Fassung ist diese Ahnung fort, es wird schon geruht, nicht bloß erhofft, zugleich jedoch gespürt, wenn auch kaum - man lebt also noch. Zwar musste das Semikolon einem Komma weichen, das ist aber egal, es bleibt kein Grund, zu schmunzeln. Etwas wichtigeres ist verändert. Wo Goethe feststellt, es ist Ruh, stellt die Kurzversion eine Bedingung, wenn Ruh ist, dann. Müde, ferne ruhe ich bald wie meine Umgebung, malt Goethe, der sein Nachtlager schon gefunden hat, eine Hütte, er behauptet nichts, er stellt eine Empfindung dar, wenn alles ruht, ruhst auch du, sagt die Kurzfassung aus, ist, trotz Restrhythmus und Reim, kein Gedicht mehr, eher ein Spruch, nicht so banal, wie er erst scheint, aber durchaus prosaisch.

Ich denke nicht über das Kürzen von Gedichten nach, mir geht es um das Gespräch. Ich stelle mir vor, ich wäre mit Goethe wandern, er seufzte, setzte sich und sagte seine Verse. Welche Art Antwort wäre darauf das Zitat der Zeilen zwei, vier, fünf, acht? Und wie würde sie sich ändern, sagte ich ich statt du: Ist Ruh, spüre ich kaum einen Hauch, ruhe ich auch? Na ja, in meiner Vorstellung entgegnete Goethe: "Schlaf jetzt." Tatsächlich kann Goethe Lem nicht gelesen haben. Wir redeten aneinander vorbei. Es müssen keine Verse "jenseits der Menschen" gesungen werden, aber, so verstehe ich Celan, es ist möglich. D.h. ich verstehe Celan so weit, wie es "die Stare von Hjertøya" (heise.de/tp/artikel/7/7934/1.html) täten, nicht so, wie Rabbi Löw, redend "dem schilpenden Menschlein". Was ist dann ein Gespräch mit einem Gedicht (wenn weder Frau Hamburger noch ein Lagerfeuer zugegen ist)?

{Spürest oder redest du?}

 


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