die.hor.de


 

Im Inneren

Wenn oben die Krone leuchtet
regnet es Wörter
wenn der neue Wind weht über der Stadt
Türen und Fenster klatschen
jedem, der es bezahlt
Augen so viele, dass keiner zurücksieht
leise gehen nur die ohne Wünsche
singen riesige Lieder entfernt

Nachts, mit vorheriger Erlaubnis zu hören
treffen wir uns in der Fabrik der Umarmung
unsere anderen Schatten darin
für jeden Herzschlag ein eigenes Bild
Geräusche, Gerüche und Farben
die nichts mehr verbindt
Autos fahren hinauf in den Himmel
und atmen dort aus




müde

Gibt es Menschen
ist es Tag
¡muss
vielleicht viele bereits

Besser bloß Zeit
Fast könnte ich eine Frage schreiben

Selbst andere leben manchmal Gedanken
jeder andere
aber irgendwann endlich
Himmel

Da lesen wir oft
lieber Satz Sonnenaufgang
lieber Morgen

trotz weniger Tag
jeden Tag

wissen beim allzu ersten Gefühl
Grund

1. das aufzuschreiben
in das eigene Gesicht
wegen jedem letzten Menschen
der fällt

2. unsere besten Buchstaben frei
zu gähnen
wenn man weiß, man müsste
auch Nacht lesen

einen Satz Sonnenuntergang
unendlich sicher seit Wochen




Andererseits

Unfassbar
der Super-GAU
Kunstlump
das Sein

Der Tag
ein Rucksack
ein einziges
Zungensterben

Sinnvoll
das Unternehmensleitbild
Paradies
unter dem Cursor




Aus origineller Grille Kleineigentum

Was da ist, das ist mein! hätte er [Byron] sagen sollen, und ob ich es aus dem Leben oder aus dem Buche genommen, das ist gleichviel, es kam bloß darauf an, daß ich es recht gebrauchte! Walter Scott benutzte eine Szene meines 'Egmonts', und er hatte ein Recht dazu, und weil es mit Verstand geschah, so ist er zu loben. So auch hat er den Charakter meiner Mignon in einem seiner Romane nachgebildet; ob aber mit ebensoviel Weisheit, ist eine andere Frage. Lord Byrons Verwandelter Teufel ist ein fortgesetzter Mephistopheles, und das ist recht! Hätte er aus origineller Grille ausweichen wollen, er hätte es schlechter machen müssen. So singt mein Mephistopheles ein Lied von Shakespeare, und warum sollte er das nicht? Warum sollte ich mir die Mühe geben, ein eigenes zu erfinden, wenn das von Shakespeare eben recht war und eben das sagte, was es sollte? Hat daher auch die Exposition meines 'Faust' mit der des 'Hiob' einige Ähnlichkeit, so ist das wiederum ganz recht, und ich bin deswegen eher zu loben als zu tadeln.
Goethe a. 18.01.1825, n. Eckermann: Gespräche mit Goethe, 1848.

Und dass die Jugend, überhaupt schier alle Welt, sich nimmer um das Geigentum schere, das Urheberrecht an Akzeptanz verlöre vor dem Internet, die Sitten verfielen usw., das ist bloß Unfug. Tatsächlich ist die Idee so neu, sind ihr Gesetz und ihre Zwangsmittel so ungewohnt, dass gar keine Sitte besteht, die verfallen könnte. Es soll vielmehr das sittenwidrige, unnatürliche, unserer Tradition fremde Ansinnen eines Eigentums am Geiste erst eingeredet werden. Nicht wir sind vom rechten Weg abgekommen, sondern der Weg soll nicht mehr der rechte sein, der der momentanen, modernen, Praxis der Gewerbebetriebe nicht entspricht.




K. Blöggle

Ohren draußen...
        blieben, logen
innen Menschen | Mitte oben
        stehen unter
                vielen Wörtern
        lieben leider
                Nachbarwörter
                        schon entkernte
        fliegen höher   (fliegen höher)
Innenseelen
        schenken wenig | sehnen, sehen
                Sinnesdaten
                        der Bewerbung
                Tagebücher
                        zu vergleichen
singen, jammern  -   half wohl nie




Lager aufschlagen

Tief blicken
soll bringen
sich drängen
nicht dürfen
wir fahren
und fliegen
hoch hängen
zu holen
sie kommen
dann kriegen
und lassen
wir laufen
mehr tragen
als treiben
zu zählen
wir ziehn

Wir haben zu halten
wir werden hier wohnen
bleiben über Nacht

 
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Und so ist das gemacht: Die Verben der ersten Liste sind Teilwörter von Wörtern die mit raus oder hinaus beginnen, rausdrängen, hinausdürfen, daraus nur die zweisilbigen, daraus Paare mit gleichem Anfangsbuchstaben, die halbwegs gut zusammen klingen - und die Paare wieder gestrichen, die zum Ganzen nicht passten. Vor den Verben steht jeweils der nach wortschatz.uni-leipzig.de häufigste einsilbige Vorgänger. Das führte zu Wiederholungen. Das letzte Wort, ziehn, habe ich um eine Silbe gekürzt, weil das bei ziehen, wie bei wehen und stehen, so typisch poetisch sei - nein, weil auch die zweite Liste irregulär enden soll. Und damit Schluss ist. Die zweite Liste folgt dem gleichen Prinzip, die Verben sind Teilwörter von innehaben, innehalten, -werden, -wohnen, davor wieder die häufigen Vorgänger, wir, zu, - bleiben ist dann aber häufigster Nachfolger von wohnen. Ich wollte noch eine Zeile. Geblieben wird oft über Nacht, am häufigsten in Gestalt von über Nacht bleiben. Das hab ich umgedreht. (Auch das wär Poesie.)

Die erste Liste bringt Wortpaare, gewöhnliche, solche die man kennt. Schnell abzuklappern. Raus. Draußen. Stadtlos. Hetze. Versuch. Abenteuer. Die zweite versucht sich am Satz. Stop, Pause, es ist genug, wir haben zu halten. Nichts, das in den Ausgangswörtern, rausfliegen, innewerden, nicht schon enthalten wäre. Es wohnte das alles denen so inne, bleibt auch über Nacht. Keine Kunst - reines Gebastel, aus einem Verweilen bei den Wörtern heraus. Und ein wenig Willkür, nicht zu viel: die kommende Nacht ist ein guter Grund. Bleiben oder weiter ziehn? Nimmer. Ich bin müde. Man kann noch mal vom Anfang lesen.




Erzählen, als wär ich dabei gewesen (Teil 1: Fiktion)

Ich wäre so gerne ein Känguru. Nein. Ich wäre gern eine Blumentopfschlange. Noch lieber wäre ich nie geboren worden, aber das ist, Silen hat Recht, mir gänzlich unerreichbar. Als Blumentopfschlange könnte ich vielleicht ins Weltall fliegen in einem Laboratorium aus Blech. Ein Wunsch, der verrät, dass ich die Errungenschaften der Menschen zu schätzen weiß. Es müsste eine Raumkapsel mit Fenster sein. Leider sind Blumentopfschlangen blind. Auf der Erde ist das ein Vorteil, auf Weltraummission nicht. Auf der Erde könnte ich Wilhelm Busch nicht lesen. Siehe, da sitzet Silen bei der wohlgebildeten Nymphe, z.B. - ich sähe nichts. Das wäre gut. Denn wie gebildet die Nymphen auch sind, ich tu wie Silen und steige auf den Esel. Weil ich keine Blumentopfschlange bin. Nein, auch nicht. Was hat mir der Esel denn getan? Als Känguru könnte ich selber fort springen, nur wäre es unter Kängurus kaum anderes, als es als Mensch unter Menschen ist: Einsam. Einsam ist man nämlich nicht allein. Oder ungeboren. Als Blumentopfschlange. Einsam ist, wer die Wahl hat. (Was zeigte, dass alternativlos kein Unwort ist.) Besser aber: Hätte. Hätte ich einen Schnupfen, keine Neuralgie, könnte der Arzt mir helfen. Hätte ich nichts gesagt, würde ich hören. Hätte ich ein Hundeleben, dürfte ich es beenden. Käme der Jäger zum Känguru, fürchtete es sich. Die Blumentopfschlange wüsste davon nichts.


Abb.: Der trostlose 'humoristische' Teil der Geschichte, den ich ausgelassen habe.

Bei Busch schießt Amor seinen Pfeil mit dem Blasrohr auf den Esel. Der verliebt sich nicht, der erschrickt - und Silen purzelt ins Gras. Daher hat der alte Zecher seine Weisheit! Und auch ich. Denn ich bin ja der Esel, der träumt, kein Känguru zu sein, d.h. der, der statt des Esels geht, weshalb die Leute lachen. Das ist eine andere Geschichte. Hätte ich die erzählt, statt der von Silen, würde ich auch Esel geheißen. Aber nur im Scherz. Heimwärts reitet Silen und spielt auf der lieblichen Flöte, / Freilich verschiedenerlei, aber doch meistens düdellütt! Was vielleicht manchem die Schlange erklärt.




Spazierkonsum

Gehe ins Freie am Freitag
in die Natur muss man rausgehn
stadtlos sind nur die Gehirne
links von den Fahrbahnen parken
rechts einen Imbiss einnehmen
später Natur, dann die Wege
also das Ziel, man erzählt sich
was man erkennt, und geht dann
wie wir vom Wege ab, Wiesen
die man mit Kühen sich teilt




Die Anekdote, der Kleister

Ein Typus besonders niedriger Geschichten erzählt von einem historischen Menschen, den die meisten Hörer schon kennen, im Guten oder Argen, der in seiner Zeit etwas erfährt oder erleidet, das ihm so nicht begegnet wäre, wenn seine Zeitgenossen mit ihm vertraut gewesen wären, wie wir es heute sind - oder, und darauf will ich hinaus, nach der Auffassung des Erzählers sein sollten. Auf Kosten der irrenden Figuren geht dieser Spaß keineswegs, sondern auf unsere. Da wird zum Beispiel ein Hauslehrer von der Herrschaft gelobt, weil er vorzüglich das Französische und die Mathematik den Kindern nahezubringen weiß, nur leider verstünde er nichts von der Dichtkunst, der Herr Hölderlin. Der Sklave, der sich so ungeschickt anstellt und selbst einräumt, mit der Stallarbeit nicht vertraut zu sein, ist Platon. Und der jüdische Bettler, der sich des jungen Hitzkopfs annimmt, der in der Stadt Wien sich nicht zurechtfindet, und dafür nur Undank erntet, nimmt Anlauf zu einer sehr billigen Groteske, wenn er zu seinem Gott spricht, der solle es eben dem ganzen Volk gutschreiben, was er, der Rührige (sein(!) Name tut nichts zur Sache) für diesen Hitler getan hat. Er weiß es nicht, kann es nicht wissen, aber wir wissen, müssen es wissen, denn davon lebt die Anekdote. Wir sind nahe dran, die Ungeduld der Leute mit einem gehörlosen Alten zu verstehen, als wir erfahren, dass er doch Beethoven heißt - und wenn wir es erfahren haben, ist nichts mehr zu berichten übrig, denn der Name ist tatsächlich die ganze Nachricht, kommt also am Schluss. Daraus sollen wir fürs Leben lernen, der, den wir vielleicht missachten, könne morgen oder in tausend Jahren einer sein, nach dem Schulen und Straßen benannt sind. Das ähnelt durchaus den Sagen von Göttern auf Erdenbesuch (dort ohne die Hybris, man lese zum Vergleich noch einmal von Philemon und Baucis) oder der christlichen Botschaft, dass der Gott im Geringsten unter den Nächsten anzutreffen sei. Bleibe somit, lieber Leser, vorsichtig und stets bescheiden und achte sie alle! Sozialpropaganda. Warum nenne ich das niedrig? Weil es uns, das Publikum dieser Geschichten, erniedrigt. Nicht, weil wir mit der immer gleichen Konstruktion abgespeist werden, das trifft die Ästhetik, nicht die Moral solcher Literatur, sondern weil danach der Einzelne nur etwas gelten kann, indem er später berühmt oder berüchtigt wird oder es schon ist und wir, die Idioten, davon keine Kenntnis haben. 'Sei ohnedies gut' ist gemeint, aber 'Du bist nichts' kommt an - im besten Fall, denn schlimmer wäre: allein die gerühmte Tat gilt, die beachtete; was wir im Stillen tun, ist vor uns selbst bloß Tand, es sei denn, wir tun es einem Vergöttlichten. Dadurch gewönne das Leben, mein Leben, das unerzählte, erheblich an Unwirklichkeit, so dass hier Motiv und Form, die auf das Gegenteil zielen, notwendig scheitern. Nichts, das ich jemandem zumuten mag, der die Geschichte mir abkaufen soll.

 
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